Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 4
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0016
tifchen Epoche am fchilleradften färbt: Vor
allem, er war kein spielender, am wenigften ein
ironifch fpielender Schwärmer, fondern ein Ek-
ftatiker mit der Reaktiverfcheinung einer fall
hieratifchHarrenGebundenheit und eines Ethos,
das diifter wirken würde, wäre die \ ertrautheit
mit Tod und Grab bei Friedrich nicht auch
Gottesnähe und Gottesfreundfchaft.
StaII derMelancholieromanlifcherZeriirenheit,
ftatt jenes mondfcheintrunkenen \\ eltlchmer-
zes, der,individualiRiIch, I ubjekl i\ i Iii I ch. nur um
das eigene Ich ergolfen wird, und fei es um ein
Ich von auserlefener Qualität, wächfl hier aus
dülterem, aber mit licroifclier Tapferkeit bis zu
Ende getragenem Gefchick ein unperfonliches,
ein fall anonymes und darum monumentales, ab-
folutes Lei dum die \\ elt. Auf fernfte, fchrofHte,
kühl fte Gipfel der Einfamkeitpflanzt C. D. Fried-
rich das Kreuz, aber größer als dies bei ihm nicht
im Sinne des Nazarenertumes konfeffionelle
und dogmatifche Symbol lind Himmel und Erde,
ül der zeichen- und nameiilofe Gott, der alles
durchdringt, alles umfängt, alles umhegt.
Der Dualismus von Mellich und All, Menfch
und Gott war im deutlichen Mittelalter von anderer
Artung, war nicht fo unmittelbar wie bei
diefem Späteften. Seine Magie war abgefchwächt
in der kleinbürgerlichen Enge der zunftmäßig
betriebenen ^ erkftatt, abgeleitet in den weitläufigen
und glänz vo 1 len Heilsap j >a ra l c lerKirche.
Chriftus und feine Fleiligen itaiiden fchützend
zwifchen dem Künftlcr und dem Gott, defTen
unmitlelbare Schauung der Tod ift. Erft an der
Ausgangsfchwelle der gotifchen Jahrhunderte,
als deren Revenant Friedrich uns erfchüttert,
kam in Oberdeutfehl and die Landfchaft, — aber
als AUdorfersches Idyll und nicht als das pan-
theiftifch gefühlsdurchtränkte und zugleich in
klaffiziftifch-ra tioneller Sta lik gefe11 ig 1 e Symbol
einer agonalen Auseinanderfelziuui zwifchen
Menich und Natur.

Schon um dieses heiß und leidenfchaftlich erkämpften
Charakters willen ift die Landfchaft
C. D. Friedrichs trotz ihrer eigentümlichen lumi-
niftifcb gemilderten Starrheil, nicht fchlechthin
der \\ efensausdruck des kühlen, des fpröden,
des nordifchenMenfchen um 1800. Ihre ftreng,
oft wie nach dem Richtfcheit abgemelTene Form
ift erbaut aus Blöcken erharrter Lava. Wolf-
radt weilt nach, wie wenig den Küriftler mit
* Kopenhagen verband, wie fremd, w ie nach Gaftes
Art er in allen Umgebungen iteht, die ihm zu
feinem Werk Kräfte Heuerten. Er langt, von

der \ emeinung des 18. Jahrhunderts, feines Ba-
rock, feines Rokoko aus. weit zurück in ance
ftrale nordifche Regionen, — ein fpät — oder
in dem neuen Weltzuftand wiedergeborener
Menfch des Mittelalters. — dunkler Dämonien
voll, vielleicht nur durch die tragifche Pathologie
feines Körpers form- und ausdrucksverwandt
dendämonilchen Jahrhunderten, deren Sein und
\\ eleu uns w ie eine einzige große, aber berük-
kender Vifionen volle Krankheit anmutet.
Es ift kaum zu viel gefagt, wenn man den nach
Greilsw ald und Dresden verfchlagenen Sprof-
fen Ichlelifcher Erde einen aus Rübezahls Geich
locht nennt: Dunkel und jäh, voller Leiden
fchaft und voller Schwere, eine chthonifche
Natur, brauender und zifchender Erdkräfte
voll, glühenden Vuges unter hart vorgewölbter,
dickwandiger Stirn, afketilch zerwühlt bei all
dem fleifchig Fleifchlichen diefes Gelichts, das
einem Zeit- und Artgeiioflen des Grunewald
angehören könnte, einem halb trotzig, halb bang
dem \\ elt ende entgegenfpähenden Chi liallen.
Daß das braufende Pathos diefer Zeit und die-
les Geliebtes dem \\ erke Friedrichs fehlt, daß
nur der ferne Schein diefer Titanenlohe über
feine Bilder lünhufcht, mag lieh daher fchreiben.
daß aufgeklärter und zivilinerter Spätzeit zu ertragende
und zu bändigende Krankheit hieß, was
um 1520 \\ under Gottes und Befeflenheit \<»m
Geilt war. Der Vusbruch, der lieh an Maß und
Strenge einer zu neuem Ethos erwachten Zeil
brach, tobt nicht als Gewitter mit zuckenden
Blitzen, bricht nur zuletzt mit fchauerlicher
Härte in den Hillen, entfagungsvollen Lebenskreis
des Kran ken, zerrüttet feine kleine,forgen
volle und dürftige Häuslichkeit, aber die chtho
nifche Glut leuchtet mit magifcliem Licht aus
ängfthch behüteter Tiefe herauf in diefe Kunli.
und die Reißfchiene, die in der klolterzellen-
kahlen \\ erkftubc des ewig Leidenden und
Grübelnden den einzigen \\ andfehmuck bildete,
ift. weit entfernt mathematifch-rationaliftilches
Symbolum jener mageren Alkeie zu fein, die
ihre blutlofen Jünger nichts zu koiten pflegt,
Anloniterkreuz, Bannzeichen des Vielverfuch
ten, der nicht im heifchenden Auffchäumen und
Erglühen des Blutes fein Werk tat,fondern dann,
wenn die \A oge ebbend zurücktrat und den Blick
freigab auf das Meer, das bei Friedrich die Unendlichkeit
Gottes ift.

Es rührt uns, daß dies große Gefchehen alle feine
Sinnbilder Hill und mit lieberem Grift" aus der
kleiiiften und nächlienWelt nahm: Innenraura-

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