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gehäufe von heiliger Nüchternheit und Blick aus
Co Icher Stube, die ganz Seele ift, in die \\ eil
hinaus, die entfeelt daliegt — vielleicht ein geheimes
Juwel, jetzt und beute aber ganz entwertet
und ganz fremd. Geltalten, die ftumm und ge-
lalfendem Leben entfchreiten, allem abgewandt,
und eine ewig-lebendige Ferne nicht fuehcn.
nicht erfehnen, nein wüTen und leibhaft in (ich
aufnehmen. Erde, Feld, Bäume, gefehen mit dem
anmutigen, fprießenden, atmenden Senfüalis-
mus des alt-chinefifchen Kiinftlers, aber hier in
unterem dualiftifchen \\ eftland, mit Schieiern
der Trauer über dem lüß lockenden Rätfei der
All-Lebendigkeit, die keine arme Scholle, keinen
kleinften Strauch auslchließt. Die Freude am
Vielfältigen,\ ielgefäItelten,miniaturenhaftPre-
tiöfen, aber um keiner aaturaliftifchen Akribie
willen, aus keiner pedantifchen Gefchmäcklerei,
fondern aus der uneidchöpllichen \^ erfponnen-
heit des fich felber olfenbar gewordenen Mikrokosmos
, der in lieh das \\ Linder entdeckt hat,
den Tod, den ewig zeugenden Lebensabgrund,
die endlofeMelodie ew ig neuer und wieder neuer
Formungen. Der dürre Baum, der es nicht an
ders weiß, und die Ruine, ohne Koketterie des
Pittoresken, aufrecht und Holz auch noch im
vollen unentrinnbaren Zerfall auf einem Flintergrund
ewig-lebendigen Füchtes und in feiner
Umflutung umarmt, erwärmt. Die einfam-ein-
famen Steine, die man in die \\ elt hineinge-
fchleudert und dann vergelTen hat mitfamt den
Helden und Talen, die fie decken, wie undurchdringlich
hart undfühllos gewordeneMenfehen.
Und, weither über See, ilt das Reich nahe herbeigekommen
, das Reich der Ferne, fchlummernd
im Dunft unter den Heilen \ I alten und den l'a ubergerefften
Rahen, und Greifswald, die gute Klein-
bürgerßadt, glänzt über Fifchernetzen und Lagunen
mit Iii berner Pagode und Palälten aus edel-
Item Geltein. Aber zu Iei feiler myftifcher Feier
unirdifcher Hoffnungen lallet im Vordergrunde
die Nacht, irrt der Blick durch die Schreck-
niire windfehief-verzerrten Geflänges.
Zuletzt, damit wir die Welt Friedrichs noch
einmal ganz fehen: die Friedhofspforte. Da ilt
das unerbittliche Tor aus Eifen und Stein, die
Pfoften gekrönt von Schalen des Opfers, und,
über dem Durchgang fchwebend, ein dünner,
nichtiger Kranz. Jenfeits aber tut lieh Licht auf
über den Gräbern, und der Tod erwärmt und die
Ichwarze \ ermummung w ill linken--
Lefen wir das \\ elt liebere, die Beziehungen
Friedrichs zur Zeitkunft und zu deiA ergangen-
heiten Ruisdael und Claude IiOrrain und man
ches andere im Buche W. W olfradts felber nach.
Ich habe den Ergebniskern feiner forgfältigen
pl \ ehoanalytifchen Durchdringung diefes Ein-
zigften hier frei nachgedichtet nach Kraft und
Recht des eigenen Erlebens, das mitzuerleben
uns die Abbildungen einladen. Daß viele (ich
hinfinden werden zum Letzten und Tiefften
diefes mildftrengen Priefters der Abkehr vom
Leben, ift unwahrfcheinlich und nicht einmal
wünfehenswert. Auch in dem hehlten Jubel des
Fleifches und in den rofigften und goldenften
Girlanden des Rokoko ift die ganze Heiligkeit
der Kunft, ihr ganzer Auffchwung, ihr ungeteilter
Ubereinklang mit dem, was über FleiI ch
und Geilt ift, über Zeit und Ewigkeit.
Hermann Eß'wein
BEMERKUNGEN ZU BILDERN VON
F. ADAM UND C. ROTTMANN
Im Maiheft diefer Zeitfchrift war in dem Auffatz
über die erfte Jubiläums-Ausftellung des Münchner
Kunftvereins ein Bild „Napoleon I. auf dem
Schlachtfeld" abgebildet und Heinrich Bürkel
zugefchrieben.
Die Skizze ftammt aber von Franz Adam. Meine
Zweifel an der Urheberfchaft Bürkels finden
durch eine zufällige Beobachtung ihre Betätigung
: auf dem bekannten Bild ,,lm Atelier" von
Franz Adam, das ihn mit feinen Brüdern Benno
und Eugen darftellt und das auf der gleichen
Ausheilung zu fehen war, erkennt man in dem
auf einerStaffelei aufgehellten Gemälde unfehv er
das obengenannte Bild. - - Das Juniheft brachte
einen Aufiatz über Karl Rottmann mit der Abbildung
einer Gebirgslandfchaft ,,Einfame Föhre".
Ich hege ernfte Bedenken, dies überrafchende Bild
Rottmann zuzufchreiben, denn an keiner Stelle
im Lebenswerk des Künftlers läßt es fich einigermaßen
befriedigend unterbringen. Der „Eibfee"
der Neuen Pinakothek müßte ungefähr gleichzeitig
fein. Eine fo heterogene Landfchaftsauffaflüng
ift ganz unglaubwürdig. Zudem ift gerade bei
Bottmann die ftiliftifche Struktur fchon in feiner
Frühzeit ausgefprochen und unverkennbar. Darum
kann auch die abgebildete A nficht von Heidelberg
mit der Vordergrundftaffage (ausgeheilt in
der I. Jubiläums-Ausftellung des Kunftvereins)
keinesfalls für Rottmann in Anfpruch genommen
werden. Das Bild „Heidelberg und die Rheinebene
" gibt ja über feine Naturanfchauung und
die bildmäßige Formung diefer Zeit klaren Auf-
fchluß. Das beftrittene Bild ftammt zweifellos
von einem Künftler der Mannheimer Schule.
E. Hanfftaengl
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