Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 18
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0034
men, der Reinen, der Dürften den, der Sanften,
die das Land befitzen, erfüllt ihre Geftalten, bewegt
und bindet lie. Die Bildnerin opfert dieiem
Geilt auch dort, wo lie leinen Mangelbefchreibt,
lo in derTörichten Jungfrau, die mit leerer, gelenkter
Lampe den trübfeligen Augenblick erlebt
, wo der Mellich erkennt, daß er fein Höheres
an fein Niederes verfcherzl bat.
Eine ungewöhnliche Erfahrung der chriftlichen
Botschaft form! lieh hier einen ebenbildlichen
Chorus von Erlölten. So erfcheint frohlockend
die Armfeligkeit, unendlich hoffend die Melau
cholie,beugfamdieKraft und kräftigdasW eiche,
ernft und ohneLächeln die Liebe, lobfingend das
Leiden. Es begibt lieh insgeheim die \ erfüll
nungsfeier der feelifchen Triebe und Mächte in
der Chriftwerdung des Menfchen. Die innigften
EreignilTe der Bibel Neuen Teftameuts lind nicht
mehr Gefchichte, mit der der Glaube oder der
Zweifel zu fchaffen hat; lie find gefchant mit dem
innern Auge, und feinSchauer ilt es, der die Hand
bewegt, ihm das Kleid der Sichtbarkeit zu wirken
. So kommt eine Gruppe der „Begrüßung"
zuftaiide,inder die Begegnung Märiens mitElifa-
beth uns von ferne als Sinnbild vernehmlich ill
eines von dritter Macht geheiligten Neigens von
Seele zu Seele.

Mit einem andern \\ erk biblifchen \ orwurfs
hat Ruth Schaumann den Bereich der Größe ge-
wonnen. Es ift die „\ erkündigung". W ir willen
es, die Darftellungen diefes Gegenftands find zah L-
los wie der Sand am Meer. Er leihen erfchüpft,
zerrieben von Großen und Kleinen aller Jahrhunderte
chriftlicher Kunft. Wer mochte ihm
noch einen Frühling prophezeien?
Wie zur Säule gefchloflen ragt die Gruppe der
beiden Geltalten als fchlankes Ganzes auf. Der
Engel, durch Geiites Kraft verewigte Mannes
jugend, beugt lieh als Bringer feiner Botlchal'l
über die Jungfrau, die kniend ihm, gleich als der
Lehne ihr er Schult ern,fich ergibt. Mit dieler \rl
Vermeidung des gewohnten Gegenüber ill eine
Stellung des Ganzen, eine Verfchmelzung der
Mallen und Einheit des Rlryth milchen gewou
nen, daß die erlte und fchwierigfte Forderung der
Alihetik an die plaftifche Gruppe vollkommen
erfüllt wird. \\ er lieh vor dem Bildwerk bewegt
— es reicht fall an Lebensgröße — verliert
an keinem Punkt der Seiten- oder Stirn
aniieht den Eindruck der organifchen Gebunden
heit des Ganzen. (Daß es lieh an der klaffizifti
feilen Theorie von Plaftik überhaupt nicht mef-
fen läßt, verlieht (ich fchon aus der expreffio-

niftifcheii Gefimiüng, dann auch aus der ideellen
und praktifchen Yollziehbarkeit der Ein
orduung in entfprechende bauliche Umgebung.)
Jene eigentümlich gefchlolTene Lagerung der
Geltalten ilt nun — man weiß nicht ob Urfache
oderW irkung einer elementar perfönlichenErlebnisweife
. Des biblifchen Berichts hat lieh eine
Seele bemächtigt, die den himmlifch-irdilchen
\ organg als ihren eigenen befunden hat. Sie hat
ihi' eigenes Sein betroffen in der Aiigefproehen-
heit unter einem mächtigen Beweger und lieh
gefaßt zur Entfcheidung im Sinne des Fromm-
feins. Der Bote verkündigt einen W illen von
majeftätifcherBeftimmtheit, er verlautet lieh wie
das ewige Gefelz in Perlon, die Hörende aber,
die den Boten nicht lieht, die an demUnbegreif
lichen, der lie erregt, auch 1 [alt und Ruhe findet,
vollzieht, ftumm und gefchloireiien Auges von
lieh lalfend, im heiligen Nein zu lieh felbft das
Ja vor Gott.

Vor dieiem \\ erk fchweigt die Frage, ob es der
fakralen oder perfönlichen Richtung religiüfer
Kunft liäherftehe. Es bedeutet fo fehr Verkörperung
des Heiligen, vor der lieh Andachtsgeift
regt, als Adelung und \\ eihe des Menfchlichen
bis hinein in den Ort, wo es lieh felbft zum Geheimnis
wird und lieh an das Hühere verliert.
Die Gruppe ruft nach dem Raum einer Kirche
oder Kapelle; dennoch lieht lie, in totem Gips
geformt, feit Jahren bei ihrer Schöpfen' n in einer
Ecke der Werkita tt.

Ift es nötig, noch ein befonderes VVort über den
Stil diefer Kunft zu lagen? Man wird ihn mit
der Sprache der Zeit expreffioniftifch nennen
müfien. Er lebt heu te wieder auf, w eil das Gemüt
der Menfchen erregt ift. Durch neu hervorbrechende
Inhalte der Seele wird das Auge
der fchöpferifchen Naturen von innen her bedrängt
, und Hand und Zunge, die von dorther
ihren Auftrag empfangen, find nicht geneigt, das
An-fich der äußeren Natur in der Kunft zu wiederholen
. Der Expreffionifi blickt und langt nach
innen. Und will er eine äfthetifche Rechtfertigung
verfuchen, fo kann er lie dort gerade zu
leihen nehmen, wo feine klaffiziftifchen Gegner
gern ihr theoretifches Rüftzeug zu finden glauben
, in der Alihetik der klaffilchen Griechen.
Ihr heiter Sprecher in Dingen der Kunft, Arifto-
teles, hat nicht auf den Grundbegriff der Schön
heit, fondern der Nachahmung gebaut. Er ver
ftand aber Kunfi nicht als Nachahmung der
äußeren, iinnlich erfaßten Wirkliehkeil, vielmehr
als Nachahmung der Seelenvorgänge, die

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