Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 36
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0056
FRITZ HUF

Die deutfche Plaftik der Gegenwart ift ein
fchöner Beweis für den entfchloflenen
\\ illen unferer Bildhauer, aus der Sinnlichkeit
wirklicher Anfchauung Monumente und Ge-
ftalten zu bilden, die in Form und Gehalt dem
Rhythmus des modernen Lebens entfprechen,
das zugleich heute gefchieht und in feiner Gültigkeit
den Anfpruch auf bleibende Bedeutung
verwirklicht. Nach dem Bankerott fentimen-
taler, tendenziöfer und intellektueller Kunft-
theorien ift ein kleiner, ungemein wichtiger
Kreis von Bildhauern dabei, mit gutem Ge-
fchmack, kluger Einficht und finngemäßer
Technik ausgezeichnete plaftifche Arbeit zu
leiften. In diefen Kreis, als defien Mittelpunkt
ich Ernefto de Fiori anfpreche, gehört der
Schweizer Fritz Huf.

Fritz Huf ift 1888 in Luzern geboren. Sein
Vater war ein Schuhmacher und beftimmte
den Sohn zum Goldfchmiedehandwerk. Huf
notiert die Abftammung aus dem Flandwerker-
haufe und die Lehrzeit als Goldfchmied fehr
gern. Beides ift tatfächlich wichtig für feine
k unft. Er ift ein „Handwerker" und immer all
den Theoretikern fern gewefen, die von einer
Idee aus, in der Riehl 11 ug eines Programms
oder im Gefolge einer literarifch orientierten
Clique zum Kunftwerk kommen wollen. In
guter Nachbarfchaft mit Fiori und feinem
Schweizer Landsmann Hermami Haller fand
er fehr bald feinen eigenen Stil. Paris, Rom,
längere Reifen nach Südfrankreich und Spanien
, Kenntnis vieler Kulturen und die Beziehung
zu wichtigen Menfchen vervollftändigten
den Reichtum diefes aufmerkfam behauenden
und eifrig fchaffenden Künftlers. Schon
jetzt liegt ein recht ausführliches Werk vor,
das ein lieberes Gefchick, frifches Temperament
und jene fympathifche Naivität zeigt, die
den einfichtigen Künftler von dem voreingenommenen
Theoretiker unterfcheidet.
Die erften Plaftiken find Stilproben. Unter dem
Eindruck Rodins experimentiert er dem Objekt
gegenüber. Ein Porträt Rilkes, das hier zu
erwähnen ift, outriert den Stil nach dem We-
fen Rilkes, wie er es lieht: schräge Bögen,

engfte Sclmürung der Linien und darüber die
Schatten eines verhaltenen dunklen Tones . ..
fo fpürt er der Struktur und dem Melos rilke-
fcher Poefie nach. Das Porträt, das uns nach
fpäteren Werken Hufs als ein Stück lieber
Literatur anmutet, verrät gleichwohl Hufs in-
tenfive Empfindungsfähigkeit. Er weiß, woraul
es ankommt: daß jede Sache ihren eigenen Klang
hat, der fie wie eine Atmofphäre im Kunftwerk
umgibt. Mehr und mehr gewinnt er ein unmittelbares
Verhältnis zu den Dingen und gibt
ihnen eine gefällige, charakteriftifche Form.
Die „Form" eines Kunftwerks ift nichts Oberflächliches
, fondern die gültige Gefitalt feines
eigentlichen Däferns. Form ift nicht identifch
mit den Gebärden eines tätigen Temperamentes,
mit den Wallungen rühriger Sentimentalität,
mit der Lehre einer moralifch eingeftellteii
Idee. Form entfloht aus dem W^efen der Dinge,
aus der W^eife, in der wir fie bilden, nachdem
wir ihr eigentümliches Leben und ihre Beftim-
mung erkannten. In der Kultur des Künftlers
erfährt fie ihre befondere Prägung, in feinem
Stil ihre Anwendung und Geltung. Hufs Arbeiten
haben beides: fie find in fich wirkliche
Einheiten und Repräfentanten eines fehr leben
digen Form willens. In Porträts wie denen \ < > 11
Rathenau und Liebermann, zu denen ich einen
feiten gezeigten guten Kopf von Gottfried
Keller zähle, kommen die charakteriftifehen
Züge der Modelle der Bildnerarbeit entgegen.
Liebermanns Kopf ift an fich fchon eine fertige
Plaftik. Huf verftärkte den Eindruck die-
fer tiefen Züge, diefer Verwitterungen, diefer
unzähligen Spuren eines überall beteiligten Be-
I Pachters. Schön ift die Senkung der Stirn über
die Augen. Ungemein plaftifch die Mundpartie
: man hört ihn fprechen und lächelt im
Gedenken an eine entzückende Bosheit. Kellers
Kopf ift konzentrierter, freier, ein wenig läffi-
ger in der Technik, dafür leichter in der VN ir-
kung feiner Form. Die Bronze Walther Rathenaus
vermittelt einen ftarken Eindruck diefer
ungewöhnlichen Perfönlichkcit. Sie ift die
Huldigung des Schweizers für einen unferer
auf rech teften Männer. Im engften Freundes-

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