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DIE XIV. INTERNATIONALE KUNSTAUSSTELLUNG IN VENEDIG
Es ift keine leichte Sache, eine internationale
Kunftausftellung unter Dach zu bringen;
befonders nicht in einem fo nationalütifch gefilmten
Land wie Italien. Ein Jahr vor der
Eröffnung beginnen fchon die unerfreulichen
Platz- und Satzungskämpfe und in den Tageszeitungen
rückt jedermann mit „wohlgemeinten
Ratfchlägen" an die unglücklichen Leiter der
Ausheilung heran, die fchließlich froh fein
können, wenn trotz aUem das fchwierige Werk
gelungen.
Die Auswahl deutfcher Künftler wurde bekanntlich
Franz von Stuck übertragen. Es ift
klar, daß wir diesmal hauptfächlich Münchner
Kunft fehen; ein Uberblick über ganz Deutfch-
land ift nicht erreicht worden, dürfte überhaupt
fchwer zu bringen fein. Immerhin, der
deutfche Pavillon wird mit Vorliebe befueht
und es ift wirklich kein Anlaß da, uns an letzter
Stelle zu nennen.
Die Münchner Neue Pinakothek hat leih-
weife zehn Bilder überfallen, darunter die „Somalifrau
" von Albert Weisgerber und den
Hellen „Sommermorgen" Fritz von Uhdes;
ferner die farbfchiUernde „Ziege" von Ludwig
von Herterich, die herbftumwobene „Lancl-
fchaft aus dem Ifartal" von Richard Pietzfeh.
Von diefen Leihgaben müffen noch R. Winter-
nitz, Fritz Erler, Karl Schräder-Velgen, Fritz
Baer und Landenberger genannt werden. Des
weiteren ftellt in der Hauptfache die alte Se-
ceffion aus. Wir fehen Hengeler, die in Farbe
und Kompofition edle „Pieta" von Th. Baierl,
die flüchtig hufchende Art Franz Naagers, Fritz
Scherer mit dem phantaftifch, ftark aufgebauten
Werke „Breifach". Im Porträt wirkt am
lebendigften Leo Samberger, dann Hommel
und fchließlich Peter Kaiman mit einem Bildnis
feiner Frau. Stuck felbft zeigt das „Urteil
des Paris", ein formvollendetes Bild. Heinrich
von Zügel bringt zwei prächtige Tierbilder. Die
„Frauen am Meer" von Lothar Bechstein wirken
ausgezeichnet; ebenfo Paul Paede „Frauen-
akt", Julius Hüther „Der Morgen", Unolds
„Pflanzen" und Schwalbachs „Abend". Hervorzuheben
find noch dieLandfchafter: Heider,
Sieck (Tivoli), Bolgiano, Beda, Felix Bürgers,
Hermann Urban „Bayerifche Sonne", die der
König von Italien für die Venezianer Galerie
gekauft.
Die Neue Seceffion ift zwar würdig, doch ungenügend
vertreten durch Karl Cafpar, Maria
Cafpar-Filfer; die unheimliche Gewitterftim-
mung von Adolf Schinnerer; dann Püttner und
feldbauer. — Kraftvoll präfentiert fich die
Bildhauerkunft in: Fritz Claus, Dafio, Mayer-
Falfold, Jean Paul Stemel und Willi Zügel.
Die Ungarn haben über dreihundert Wrerke,
ungefähr viermal fo viel als die Deutfchen;
dennoch bleibt die Zahl der Ausfteller geringer,
weil faft jeder Maler eine Sonderkollektion
brachte. Darunter ragen die Paftelle Rijjpl-
Ronais hervor, meift Frauenakte und Bildnifle,
kräftig und finnlich aufgefaßt. Julius Rudnay
zeigt einen lebensvollen Bubenkopf „dem Ge-
fang der Vögel laufchend". Tragifch einfam
wirkt die „Stadt unterm Schnee" von Adolf
Fenyes. Mit ftarken Bildern, Aquarellen, Zeichnungen
inidjRadierungen find erfchienen: Stefan
Szönyi, Csök, Vaszary, Aba Novak, Patko ufw.
Die Skulptur ift auch gut vertreten. Der Befuch
diefer Abteilung ift durchaus anregend.
Faft gar nicht vorhanden ift Ofterreich, wenn
man Egger-Lienz ausnimmt, der jetzt von den
Italienern beanfprucht wird und durch eine
wuchtige Auferftehung fich bemerkbar macht.
Ein paar Ofterreicher find in den verfchiedenen
Sälen verftreut, fo Friedrich Karl Kollet, Flammer
, R. Schrötter. Dasfelbe Schickfal teilen die
Schweden, Polen und Tfchechen. Auch die
Schweizer bleiben offiziell unvertreten.
Dagegen ift Rumänien faft vollzählig erfchienen
, aber eine nähere Befprechung muß wegen
Raummangels unterbleiben. DerLefer verliert
dabei nichts; denn die Rumänen haben noch
keine eigentliche Nationalkunft und es wird
fall durchweg Wien-München-Paris aus zweiter
Hand geboten.
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