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PAULA MODERSOHN-BECKER KIND MIT KATZE
Ausftellung neuer deutfeher Kvmft, Stuttgart
bauend, wie eben das Leben zwifchen der Span
innig von fchöpferifchen und verarbeilenden
Epochen verläuft. Nicht Schilderung, fondern
Erlebnis ift ihr Ziel. Cezanne zeigLe früh [chon
den Weg, hinter den verworrenen und ver
brauchten Formen der Körper das \\ efentliche
zu erkennen und van Gogh fchürte Aufruhr
in feine Landfchaften. Aus den Aufzeichnungen
diefer Meifter erhellt aber deren Räudiges
Ringen um eine anfehauliche \.usdrucksform,
während die Jüngeren ihre ReizerlebnüTe oft
zu unvermittelt auf die Leinwand warfen. Gewi
I) in" es innerer Zwang, wenn (ie (ich von den
einmal erfchöpften Kunftmitteln des Impref
fionismus wegzuwenden und auf den Kern
der Erscheinungen vorzudringen fuchten. Doch
blieben \ iele ihrer W erke hinter ihrem Streben
zurück. ^ iele können nur als Splitter aus einer
vergangenen Welt gewertel werden; auf ihren
Trümmern fucht lieh lallend neues Leben anzubahnen
. Es war dies eine Kunll. die ansein
anderfiel, denn weder lag den Arbeiten diefer
kunlller die Bindung einer Religion noch einer
\\ eltanfchauung zugrunde, an die ße im Inner
ften glauben konnten, und nur aus folcher Hin
dune erblüht eine wirklieh große Kumt. Der
Kubismus war lediglich Fortfetzung eines nie
chanifchenPrinzips. In ihrertiefen \ erwirrung
holten diefe Künftler Hilfe bei der Technik.
Malerei und Plaftik machten lieh Formen aus
der Mechanik zu eigen. So war auch der Ku
bismus ein Reflex des technifchen Zeitalters.
Auch der itahenifche Futurismus entfprang der
Begeiferung für die Möglichkeiten der Technik
. Namen von Künftlern wie \rchipengo,
Bracque, (Ueizes,Metzinger, Leger bis Feininger
gehören in dielen Zufammenhang.
Neben diefem rein mechanifchen Prinzip der
Kunll trat nun noch das gegenteilige Prinzip
auf, der Trieb für das Jenl'eitige, Unlinnliche.
Diefe Kunll bedeutet die Abkehr des technifch
und materialiftifch eingeteilten Künfllers zum
Melapln (liehen. Diele Künftler hallen ein
Empfinden dafür, daß das Leben wiehlige Verknüpfungen
mit dem Jenfeitigen aufweilt. \\ ie
Melchior de \ ogue in feinem epochemachen
den Buch über die großen ruflifchen Dichter
(„LeBomanRulle")wollten he den l ntergrün
den und Nebenltrömüngen des Lebens nach
gehen und den Sinn für das Geheimnisvolle enl
decken, Expreffionismus ift die Kunll, die über
das im Innern Schlummernde und das Jenfeil ige
ausfagen wollte, \ erzieh! auf den Gegenlland
wurde proklamiert. Diefe Künftler wollten bewußt
aulbauend fein und gerade das Wort
Synthese hat der Münchner Kreis um Kan-
dinskx als fein künstlerisches Ziel umfehrieben.
Es bedeutet^ erfchmelzung der Naturgegeben
heil mit geiftigen Elementen, wenn auch gerade
die Bilder kandmsk x s und Klees mehr farbig
oder tonifch abgeflufte lineare Rhythmen lind.
Aber fchließlich lind wir mit imferen Sinnen
diefer\\ eil verhallet und es kann letzten Endes
keine Kunll ohne Gegenlland geben: eine . ab
folule Kunll" mit „abfohlten Formen" ill eine
Fiktion* Bereits heute ift auch ein Rdckfchlag
gegen diele Richtung zum Gcgenlländlicheu
eingetreten. Vber auch die bellen \\ erke diefer
Kunflrichtung, wie etwa die von Marc und Ko-
kofehka. liehen in irgend einem gefpaimten
\ erhältnis zum Naturvorbild. Sie wollen nicht
die Natur wiedergeben, fondern aus dem Innern
quellende Gedanken. In diefen Kindt lern leben
die Anfchauungen Platons mit feiner Lehre
von den Ideen als den Urbildern irdifchen Ge
Ichchens.
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