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LEKYTHEN IN ATHEN
ATTISCHE GRABVASEN
Der Wind, der von den Gräbern der Alten
herweht, kommt mit Wohlgerüchen über
einen Rofenhügel. Die Grabmäler find herzlich
und rührend und Hellen immer das Leben dar...
Da ftehen Vater und Mutter, den Sohn in der
Mitte, einander mit unausfprechlicherNatürlichkeit
anblickend. Hier reicht fich ein Paar die
Hände. Sie ftehen beifammen, nehmen Anteil
aneinander, lieben fich. Da ift kein geharnifchter
Mann auf den Knien, der eine fröhliche Aufer-
llehung erwartet. Sie falten nicht die Hände,
fchauen nicht in den Himmel, fondern fie find
hienieden, was fie waren und was fie find.
Der Künftler hat mir die einfache Gegenwart
der Menfchen hingeltellt, ihre Exiftenz dadurch
fortgefetzt und bleibend gemacht. Mir war die
unmittelbare Gegenwart diefer Steine höchft
rührend."
So fchrieb Goethe 1786 in Verona vor einigen
antiken Grabfteinen, und was er empfand, das
charakterifiert überhaupt die klaffifche Gräber-
kiinft. Nur fehen wir heute deutlicher, wie in
dem gemeinfamen Grundthema vom Diesfeits-
menfehen fich die Gefinnung der Völker und
Zeiten gar verfchieden fpiegelt. Und wir fehen,
wie das Athen des fünften und vierten Jahrhunderts
v. Chr. in feiner und reiner Menfchlichkeit
immer die Königin bleibt. Walter Riezler hat
uns in einem Monumentalwerk eine befondere
Seite diefes einzigen Athen nähergebracht*), indem
er bei feiner Arbeit mit allem kriti fehen
Rüftzeug des Archäologen die Feinfühligkeit
einer an der neueren Kunft gefchulten Empfindung
verband.
Am Grabe opferte man den Toten in den fin-
fteren alten Zeiten Lebendiges, fpäter, mehr andeutend
, was zum Schmucke des Lebens gehört,
Binden, Kränze, Salben. Immer aber Ol, neben
Brot und Ei der Inbegriff der Speife. In fchön-
verzierten Fläfchchen bekam es der Tote ins
*) Walter Riezler, Weißgrundige attifche Lekythen, nach
Adolf Furtwänglers Auswahl, mit Beiträgen von R. Hackl.
2 Bde., 96 Tafeln, 52 Abbildungen im Text. F. Bruckmann A. G.,
München.
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