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der eigenartigen bunten Wirkung, die aus dielen
Handwerksftücken feine Kunftwerke macht
Die Deutung der Bilder ift nicht immer ganz
leicht, weil wir uns in jenen Grenzvorftelfungeh
über Leben und Tod befinden, die im Griechischen
immer fließend und undogmatifch waren.
\1 teile animiftifche Anfchauungen über die Be-
dürfhüTe der Seele nach Speife und Trank und
über ein Fortleben in dämonifcher Schattengeltalt
fprechen noch mit. Unruhig flattern kleine
dunkle Seelchen, beflügelte Schattenmenfchen
von Libellengröße um Totenbahre und Grabmal
. Daneben aber erfcheint der Tote in unveränderter
Schönheit und faft heroifcher Gellalt
am eigenen Grabe, ernft flehend, verfonnen da-
(itzend oder die Leier fchlagend oder bereit, die
Gaben der Uberlebenden zu empfangen. Es ift
die homerifche \\ eil, in der auch im Tode die
Körperfchönheit nicht verlorengeht,obzwardas
Dafein nur durch die Opfergaben der Oberwelt
noch Inhalt bekommt. Bisweilen fpielen auch
im thologifche Ideen herein. Die Brüder Schlaf
und Tod, geflügelte Junglinge, lallen einMädchen
oder einen Krieger fanft am Grabmal zur Erde
nieder, vielleicht zum Ausdruck deflen, daß der
Tote in der Ferne begraben war und man ihn
durch die göttlichen Boten heimgebracht dachte,
auch wenn man in der Heimat nur ein Keno-
tapb errichten konnte. Oder Hermes Pfycho-
pompos begleitet den ^ erftorbenen zum Grabmal
. Oder Charon erfcheint als dürrer Schiffsmann
, unedel von Geftalt und häßlich von
Gefichtszügen, wenn auch nicht fratzenhaft; er
winkl mit der Hand dem jungen Mädchen, das
rafchenSchrittes auf denNachen zugeht. Immer
aber ift die Szene am Grabe felbft, während doch
der Styx weit fort in der Tiefe ift. Man ßeht,
w ie hier jegliches rationaliftifche Denken einer
kindlichen und doch liefen Stimmungsmalerei
weicht, die wie fpielend, abermil innerer Sicher
heit die Vorffellungen vom Leben nach dem
Tode durcheinandermifcht, die auch in der VS i rk-
lichkeit des Volksempfindens eng, wenn auch
eina n d er widerfprechend, bei lammen w ohnen.
Die Entftehunff diefes Anfchaumlgskreifes der
Grablekythen ifl deullich zu verfolgen, und lie
ift fehrreich auch für die \\ erke der großen
Gräberplaftik. Die älteren Lekythen, die noch
den \ afenfirnis zur Zeichnung^ erw enden, geben
vielfach nur häusliche Szenen. Mann. Frau und
Kind, Erinnerungsbilder an das fchöne Dafein.
Oder Herrin und Dienerin lind häuslich be-
fchäftigt. Daraus wird dann der „Grabgang",
die ZurüJtung der Gaben, die dem Toten gebracht
w erden. Dann, auf den jüngeren nur mit
I arbe bemalten Gefäßen, tritt allmählich das
Grab felbft in den Mittelpunkt, eine fchlanke,
palmettengekrönte Siele, die mit Binden und
Kränzen gefchmückl wird. L nd nun findet lieh
an diefem Grabmal immer häufiger der Tote
felbIi ein, Lebende und \ erftorbene flehen lieh
umnittelbar gegenüber, auch die Grabklage er
tönt nach alter, noch heute in Griechenland geübler
Sitte. Aber heftige Schmerzausbrüche find
feiten, meift herrfehl ein gehaltener Ernft, und
alles geht auf in einer füllen Zuftändlichkeit.
einem idealen Fortbeftand des fchönen Lebens.
Der künftlerifche Höhepunkt der Lekythen-
malerei fällt in die aufgeregten Zeiten des pelo-
poimefifchen Krieges. Welche feelifche Spaim-
kraft muß diefc Balle befeffen haben, daß mitten
in der fchweren äußeren Not die einfachfteii
I landwerker diele ftilien, tiefen Bildchen hinzuwerfenvermögen
, gedichtet aus dem blühen
den Leben des Heute und den ungewißen Ahnungen
des Morgen. Hier
zw ungeu durch die Form.
ift der Tod be-
Prof. Dr. H. Bulle
FRAGMENT
EINER
LEKYTHE
MÜNCHEN)
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