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Durch ungezählte Zeichnungen trachtete er immer
tiefer einzudringen in das innerfte Wesen
der Natur; er erkämpfte fozufagen jedes neue
Werk durch emfigltes Studium der Details —.
Um z. B. leine grandiofen Kiiftenbilder fchaffen
zu können, zeichnete ermalTenhafL Steine, windbewegte
Buchen, logar die Blätter der Buchen
lebensgroß.....So erobert er fich immer wieder
die Natur, geftaltet fie in fich neu und fchreibt
fie dann in einem Guß groß — bewegt — gewaltig
— fchöpferifch auf die Leinwand. Trägheit
der Materie exiftiert für ihn nicht, abfohlte
Beherrfchung der Form ift felbltverftäiidlich:
feine Wolken fchweben, alles was fließt, ift fliilhg
gemalt, was fchäumt, kocht, fpritzt — pastos —
der Pinfel genügt dem greifen Titanen nicht
mehr: Hafenpfoten, Spachteln, der Handballen,
jä der ganze Ärmel ift ihm recht, ja gerade gut
genug, um feinem leidenfchaf tlichen Impuls Aus-
druck zu verleihen.
Hagemeifter dünkt fich nie am Ziel. Er schreitet
weiter. Immer inniger und tiefer fühlt er, daß
zidetzt Symbole zum Ausdruck kommen und so
erreicht er jene höchfte Stufe, die denen vorbehalten
ift, deren Herz rein und jung blieb.
Äußeren Erfolg hat Hagemeifter nie erftrebt.
Einfam und weitab gewandt ftand er mit feinem
ganzen Ich einzig im Dienfte der Kunft.
Man fprieht heute fo viel vom ausgeraubten
Deutfchland, aber auch von Werten, die kein
Feind uns zu nehmen vermag. Zu diefen zum
Teil noch ungehobenen Schätzen gehören Hage-
meifters Schöpfungen. Daß fie noch nicht allen
erfchlolfeii find, ändert nichts an der Tatfache,
es beftätigt im Gegenteil die alte, immer neue
Erfahrung.
Aber wir hoffen aus ganzer Seele und wiinfehen,
daß es nicht erft des nutzlofen Nachruhms bedarf
, bis die Galerien Flagemeifter zu ihren im
umgäiiglichften Beftänden zählen, daß nicht Jal 1 r-
zehnte hinweffffegaiigeii fein müfien über ein
OD o o
vollendetes Künftlerleben, ehe jeder Deutfche
weiß, was er an Hagemeifter befitzt.
Emil Thoma
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