Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 97
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0129
DAS BILDNIS DER FRAU GEDON

Erinnerung an Leibi von Mina Gedon

Seitdem die Münchner Staatsgalerie das herrliche
Bildnis der Frau Gedon von Wilhelm
Leibi befitzt, wird foviel über diefes Bild gefpro-
chen und gefchrieben mid foviel halb V^ahres,
halb Falfches auch, darüber erzählt, wie diefes
Bild, das zucrlt Eigentum meines Mannes Lorenz
Gedon war, in fremde Hände kam und dann
viele Jahre verfchollen war, daß es mich fchon
lange drängt, einmal felbft die Gefchichte diefes
Bildes zu erzählen, fo wie fie in meiner Erinnerung
lebt.

Als junge Frau habe ich einem jungen Künftler
Modell geftanden — und jetzt ift das berühm-
tefte Leibibild eben diefes Porträt Leibis — das
Bildnis der Frau Gedon, das ihm feinen großen
Namen fchuf.

Es war im Jahre 1869. Ich war feit einem
halben Jahre die Frau des Bildhauers Lorenz
Gedon geworden. Wir hatten eine kleine Wohnung
in der Schwaiithalerftraße; und da war un-
fere Wohnftube ein Anziehungspunkt für viele
junge Künftler, denn mein Mann hatte für diefe
Stube mit großer Liebe fchöne alte Möbel und
Bilder auf Streifzügen durch Augsburg und Ulm
gefammelt. Begeiftert kamen die jungen Künftler,
meiftens Alters- und ArbeitsgenoiTen meines
Mannes zur Zeit feines Studiums auf der Akademie
, um in unferer Wohnftube zu malen.
Und da kam eines Tages auch Wilhelm Leibi,
mit Malkasten und Leinwand bewaffnet. Er
nahm nach einigen Stunden eine reizende Studie
mit lieh fort, die wir dann trotz öfteren Fragens
danach nie mehr zu Geficht bekamen.
Ungefähr nach vierzehn Tagen erfchien Leibi
wieder bei uns, aber nicht mehr um das Stüb-
chen zu malen, sondern mit der Bitte an meinen
Mann, die Bewohnerin der Stube malen zu dürfen
. Das war für mich ein neues Erlebnis, daß
nicht nur meine Wohnftube, fondern auch ich
felbft malenswert fei. — Leibi war damals fünfundzwanzig
Jahre alt, eine kräftige, gedrungene
Athletengeftalt. Nach feiner ganzen Art, wie er
fich kleidete und gab, hätte ich keinen Künftler
in ihm vermutet. Er war gerade aus der Akademie
ausgetreten und hatte noch kein Atelier.
Mein Gatte, welcher fchon auf der Akademie
ein großes InterelTe für Leibi und feine Begabung
hatte, willigte gerne ein, daß er mich

male, und verfprach Leibi, daß er ihm mit
Atelier und allem behilflich fein wolle. Es freute
meinen Mann, daß Leibi mit dielem Bilde fein
Glück in der Ausftellung machen wollte. Im Bildhaueratelier
meines Mannes wurde ein Winkel
eingerichtet. Ich freute mich (ehr darauf, bei
der Entftehmig eines Bildes nicht nur als Zu-
fchauerin, fondern als Modell zu dienen.
In meinem Staatskleide aus heller Rohfeide,
einen alten Filigranfchmuck mit roten Steinen
um den Flals, — diefen Schmuck befitze ich
noch—mit einem kleinen, grauen Stroh hü te am
Arme, fo ftand ich da und wartete der Dinge,
die da kommen füllten. Die erfte Sitzung war,
durch meine Schuld, nicht von langer Dauer.
Ich erkannte bald, daß das Gemalt werden keine
fo leichte Sache fei. Der vertiefte Maler malte
und malte, und ich als junge Frau in einer Ver-
falTung, in welcher es fchwer ift, lange itille zu
liehen, wurde blaffer und blaifer, fo daß es nötig
wurde, die Sitzung zu linterbrechen. Leibi war
unglücklich und ich befchämt über meine
Schwäche. Wir befprachen, daß die Sache finden
nächften Tag belfer eingerichtet werden
müffe. Es füllte für Stärkung mit Speife und
Trank geforgt werden, und fo ging es wieder
frohgemut mit Gatte und Maler und den bellen
Vor!ätzen ins Atelier. Zwei Stunden ftand ich
ununterbrochen tapfer. Mein Gatte mahnte
einigemale, daß ich ausruhen und mich ftärken
müffe, doch Leibi machte darüber ein fo unglückliches
Geficht, daß ich jede Unterbrechung
ablehnte. Aber leider mutete ich mir zu viel
des Guten zu. Ein plötzlicher fchwarzer Nebel
vor den Augen, ein Saufen in den Ohren, und
ich fand mich in den Armen meines Mannes,
der mich gerade noch vor einem Sturze bewahrte
. Als ich aus der Ohnmacht wieder erwachte
, fah ich ein erfchrecktes, aber auch fehir
ärgerliches Geficht und eine tiefe Stimme
brummte grollend: Teufel, Teufel! Mein Mann
bemühte fich, Leibi den Grund meines Unwohl-
feins—meiner Zimperlichkeit, wie diefer meinte
— zu erklären. Nun ftammelte Leibi allerdings
mit einigen verlegenen Worten eine Entschuldigung
, aber er wäre eben gerade fo fchön im
Zuge gewefen, — und fo wunderbar — und deshalb
eben: Teufel, Teufel!

Die Kunst für Alle. XXXX. 4. Januar 1925

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