Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 122
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0156
hat damit nickt irgend eine ihm und feiner
Kmiftnatur gemäße Richtung verteidigen oder
durchfetzen, fondern lediglich das Recht fich
vorbehalten wollen, fich auf feine Art auswirken,
lieh in feiner perfönlichen Weife ausfprechen
zu dürfen. Diefes Ichgefühl, das aus keinem felbft-
füchtigen Urgrund kam, fondern aus der Allliebe
, der Liebe zum Nächften, wie zu fich felbft,
entfprang, war begründet in der Gotteskind-
fchaft, in der er fich eingegliedert fühlte. Thoma
hat auch das Selbftbeftimmuiigsrecht im Reli-
giöfen für fich in Anfpruch genommen krall
der Gottesfremidfchaft alles aus dem ewigen
Liebesgefetze Hervorgegangenen.
Hier ift der Punkt, aus dem das Pantheiftifche,
das Religiöfe, das keiner Konfcffion, keinem
Konventikel Zugehörige hervorgeht.
Wenn im künftlerifchen Selbftbcftimmungs-
recht die Unftimmigkeiten Thomas mit dem
zeitgenöffifchen Kunftfchrifttum entfprangen,
das ihn, den Einfpänner, znerft bekämpfte und
ablehnte, dann, bei der Aiisfichtslongkeit, ihn zu
ändern, fchließlich totfehwieg, und erft fpät
zögernd undmitVorbehalten anerkannte, nachdem
Thomas Kunft als Ausdruck einer freien,
ungebrochenen deutfehen Seele gefchätzt war,
fo liegt im übcrkonfcffionellen Pantheiftifchen
der Grund, der Thoma aus den Konfeffionen
heraushebt. Das machte ihn feiner katholifchen
Mutterkirche wie der evangelifchen W^ahl-
kirche fremd und ungattig. Sein urfprünghehes,
uneingeengtes Gottesgefühl näherte ihn der in-
difchen Weisheit: der Zugehörigkeit alles Ir-
difchen zum Ewigen, der Uberwindung alles
Irdifchen in der Wunfchlofigkeit hinfichtheh
egoiftifcher Regungen, der Verbindlichkeit alles
Lebens gegeneinander. Hier trat das fchlecht-
hin Ethifche in Wirkung, das von allen Parteivoreingenommenheiten
abfieht.
War Thoma im Künftlerifchen nach der Wahl
und Geftaltung feiner Motive, nach der Technik
mid nach der Auswertung feines Könnens jederzeit
feine eigenen, nur ihm gemäßen Wege gegangen
, und hatte er feinen Leidensweg allmählich
zur Sicgesftraße umgewandelt, fo galt
ihm zuletzt der ungeheure Erfolg des Schaflenden
nicht eben gar viel. Seine Befchcidenheit,
feine Zurückhaltung, feine wahrhafte Größe

auch fich gegenüber ließ ihn keinen Augenblick
vergefien, daß nicht er, fondern daß es fchuf
und wirkte: das Unfaßbare, das ihn nur als
Werkzeug benutzte, als Organ, fein künftlerifch,
wie ethifch gewaltiges, untrennbar miteinander
verbundenes, ineinander verflochtenes Lebenswerk
in Bild und Wort zu fchaffen bis zum
letzten PI auch feines Dafeins.
Vor folch felbftlofem Tun verftammen die
Fragen, welcher künftlerifchen, religiöfen, poli-
tifchen oder menfehlichen Partei Thoma zugehörig
war, fchweigt letztlich auch die Frage,
aus welcher Nation und aus welchen Sinn eines
Volkes heraus er gefchaffen hat. Sein Künft-
lerifches hat zuerft in England Geltung gewonnen
. Sein Ethifch-Menfchliches hat den friedwilligen
Amerikanern zugefagt, als die ganze
Welt durch den großen Krieg in Zweifel unter
fich geraten war. Zu allerletzt hat Thomas
volkstümliche Kunft auch bei unferem unver-
fölmlichften Gegner Boden gefaßt, da franzö-
fifche Schullefebücher mit figuralen und land-
fchafüichen Bildern Thomas verfehen werden
follen. Das war Thomas letzte Freude, auch in
franzöfifchen Lefebüchern als Vertreter deut-
fcher Kunft Eingang zu finden, wie es feit
Jahren in deutfehen Schulen der Fall ift. Sein
Bildwerk ift ja nicht bloß in ganz Deutfchland,
fondern in allen Ländern germanifeher Artung
verbreitet, bekannt und gefchätzt.
Wir Deutfche können lediglich ftolz darauf
fein, daß in Thomas Schaffen unfere Kunft und
unfer Denken wieder Weltgeltung erreicht hat.
Wiederum kami von einem befonderen Gebiete
ans die Welt am deutfehen Wefen genefen.
Wohin man nun Thoma und fein Werk ein-
ftufen mag, ins rein Kmiftlerifche, Artiftifchc,
oder ins geiftig Lebendige, ins Realiftifche, Ro-
mantifche oder ins Idealiftifche, ins Völkifche,
Außer- oder Internationale, ins Impreffioni-
ftifche, Expreffioniftifche oder ins Symbolifche,
das alles ift nicht wefentlich von Belang. Thoma
war ein Deutfcher, ein Kind des badifchen Volkes
, des alemannifchen Stammes, deften Heimatbild
er zum Weltbild erhob. Er war der Schöpfer
einer fchönen, friedvollen Welt. Er ift nicht
tot. Jetzt auch wird er leben in feinem Werk,
in Biid und Wort. Jos. Aug. Beringer

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