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gerahmte leere Leinwand und läßt, nun der
Phantafie ungehinderten Spielraum. Der Akkord
aus Gold und Farben, den To ein Rahmen
anfchlägt, fcb w i i igt weiter, erzeugtFarben,Kom-
binationen von Farben, Farbengruppen und
-komplexe. Aus dielen aber bilden fleh, wie
die Sterne aus Urnebein im Kosmos, allmählich
auch Körper: Bäume, Fellen, Meirichen, Tiere.
Ganz wie von ielbft, wie im Spiel, und ohne
irgend einen anderen Zweck, als daß dieler
Rhythmus aus Farben und Formen, d. h. aus
von Farben bewegten Formen, fich harmonilch
in den Rahmen füge und daß am Ende alles
zufammen, Bild und Rahmen, ein in lieh vollkommen
abgefchlolTenes dekoratives Ganzes
von möglichftcr Dclikatefie der farbigen Klänge
und des Formeiifpiels ergebe. Auf diefe Weife
find nicht alle, aber doch viele Bilder Porfches
zuftande gekommen, folche vor allem, die aus
freiem Schaffens willen und nicht unter dem
Zu;iug eines Auftrags entftanden find. Gilt es
aber, in einen gegebenen Raum ein Bild (ozu-
lagen als dekorative Pointe hiiieinzuempfiiiden,
ib ift der Vorgang ähnlich. Nur ift der Rahmen,
der die farbigen und figuralen Vifionen erzeugt,
in diefem Falle dann das sanze Zimmer. Alles
übrige entwickelt (ich in analoger\\ eile. Jedenfalls
ift diefes Malen immer ein unendlich ge-
nießerifches Spielen mit feinen und feinften
Klangfchattierungen, die fall kaleidofkopilch,
aber mit unvergleichlich zarteren Übergängen
und Mifchungen durcheiiianderfließen, ibdaß
diefes wundervolle, duftige Farbenbukett und
diefes geheimnisvolle Schweben und Weben
von Halb- und Viertels tönen entlieht, das für
die Bilder Porfches charakteriftifch ift.
Es ift vielleicht ganz intereflant, zu hören, wie
Porfche zu feiner heutigen dekorativen Malerei
gekommen ift. Denn von Anfang an war iie
nicht da. Er ift am 16. Juni 1858 in Gabi an
der böhmifchen Nordgrenze geboren, in einer
Gegend, die nicht allzuweit von der Heimat
Führichs entfernt ift. Nachdem er dort die
Schulen abfolviert hatte, kam er an die Kunft-
ichule nach Prag, deren Direktor der Piloty-
fchüler Reynier gewefen ift. Dort blieb er fünf
Jahre. Ein Stilleben aus jener Zeit ift das gerade
Gegenteil von dem, was heute das Ideal Porfches
ift. Es ift ftraffin der Zeichnung und ganz fach-
lich-realiltifch gemalt. Ein an fich lehr gutes
Stück. Aber nirgends ift eine Spur der fpäteren
diffulen, flirrenden, opaleszierenden Malweile
Porfches zu finden. V011 Prag kam er nach
München, wo er, fchon fünfunddreißig Jahre
alt, noch einmal Akadcmiefchüler wurde und
vier Jahre bei G. v. I lakl und \\ . \. Diez ftu-
dierte. Allerdings: als er wegging, hatte er den
Eindruck, nicht lehr viel geicheiter geworden
zu fein als er gewefen war. Damals war übrigens
gerade die Zeit des Aufblühens des Jugend-
ftils. Das brachte ihn vollends zur Verzweiflung.
Und fo flüchtete er lieh in eine ßelchäftigmig,
die ihm weit mehr zufagte, ja, erft das Perfön-
liche und Eigentliche in ihm geweckt, gefteigert
und vollendet hat: er widmete fich nämlich der
Iimeiidekoration,fiatteteSchlöfiperaus,illuftrierte
nebenbei, machte auch fonft dies und das, aber
die Hauptfache blieb immer das Dekorative, zu
dem er, wde fich bald herausftellte, geboren war.
Und durch einen artigen Zufall fand er dann
eines Tages auch den W eg zu feinem Spezialgebiet
: dem dekorativen Phantallebild. Ein
Schloßbefitzer hätte nämlich zur Ausichmük-
kmig feiner Räume gerne dekorative Bilder gehab
l. Aber alte Originale waren ihm zu teuer.
Da Tagte er, vielleicht halb im Scherz, zu Porfche
: „Malen doch Sie mir folche Bilder, eine
ganze Galerie, wie ich iie brauche!" Diefes
Wort fiel auf empfänglichen Boden. Das war
einmal eine Aufgabe, wie fie lieh Porfche, der
berufene Dekorateur, nur wiinfehen konnte.
Und er machte lieh an die Arbeit. Aber nicht
etwa in der Weife, daß er nun alte Bilder kopiert
hätte. Das wäre ihm zu geiftlos gewefen.
(Er hat auch fpäter und vorher nie ein altes
Bild kopiert.) Sondern er lebte fich in den Stil
der gegebenen Räume hinein und erfand nun
für die Stellen, wo Farbflecke nötig waren, Farben
lymphoiiien im Geifte der Renaiflance, des
Barock oder Rokoko. Alle diefe Bilder hätten
nie in jenen S tilperiodcii eiitftanden fein können.
Dazu find fie zu differenziert im Farbigen, zu
aufgelockert im Technifchen, zu nervös und
fpirituell im Künftlerifchen. Aber trotzdem
fügen lie fich harmonilch in Räume ein, die
prunkvoll in diefen oder anderen Stilarten aus-
geftattet find. Demi es ift etwas von dem Wefen
diel er Stile in ihnen, von ihrem dekorativen
Genie und von ihrer fpielerifohen Gefte. Das
aber ift es gerade, was fie für ihren Zweck in
fo hervorragendem Maße geeignet macht und
was denn auch ihren Wert benimmt. Zugegeben,
daß alles das genau fo nur von Gleichgeftimm-
ten nachempfunden werden kann. Aber ihre
Zahl ift weit größer als man gewöhnlich annimmt
. Denn fehr viele wifien zwar nicht um
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