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voll ausgeführte Kompolitionen, von denen
die vier an der Wertwand und zweimal je
drei an der Nordwand, zwifchen denen die
eben erwähnte „Arabeske" eingefchoben ift,
inhaltlich zufammengehören. Die Bildgeftaltung
aber ift fo gedacht, daß die Darftellung unter
den fchmalen, trennenden \\ aiKrpartien fortläuft
, etwa fo, wie eine Landfchaft, in die
wir durch drei oder vier dicht neben einander
liegende Fenfter hinausfehen. Es foll die Illufion
erzeugt werden, als fähe man auch durch die
Mauerfeite des Raumes auf ein ähnliches fröhliches
und buntes Treiben, wie es lieh dem Blick
durch die Fenfter darbietet. Dadurch erhält der
Raum etwas außerordentlich Leichtes, Weites.
Man hat kaum mehr das Gefühl, hinter Mauern
zu fitzen, fondern wähnt lieh auf einer Infel-
terrafle, die den Blick nach allen Seiten frei
läßt.
Selbftverftäiidlich konnte, trotz der leicht illu-
lioniftiichen Tendenz der Bilder, nicht eine ma-
lerifche Wiederholung der Wirklichkeit in
Frage kommen, die ja doch dem Vergleich mit
diefer niemals ftandhielte.
Diez wählte also etwas Verwandtes aus anderer
Zeit, nämlich fchäferlich-bukolifche und galante
Szenen aus einem im übrigen ganz frei und per-
fönlich empfundenen und geftalteten Rokoko.
Auf dem vierteiligen Bild der Weftfeite fehen
wir, wie ein Kahn mit drei Schönen auf einer
fchattigen Infel landet, auf der von Chinefen
der Teetif ch gedeckt wird. Zwei andere Mädchen
htzen in lehr luftiger Kleidung am Ufer der
mfel und grüßen zu zwei Männern am Feftland
hinüber. Auf der Südwand hellt man in der
linken Bildertrilogie eine bekleidete Dame und
eine nackte Fifcherin in einem Boot ; zwei Bauern
belaufchen hinter Bäumen die pikante Szene.
Die rechte Bilderfolge zeigt in einem Prunkboot
eine vornehme Dame, die dem Liebeslied eines
Pierrots lauf cht; am abendlichen Flimmel ziehen
die Möven heimwärts.
Der beherrfchende Grundion der zehn Bilder
ift das tiefe, warme, nicht ftarre, (bndern in vielfachen
Klangabftufungen opaleszierende Blau
des Himmels, der zum Teil auch von W olkeu
belebt ift. Diefes Blau ift die höchft wirkfame
Folie für die überaus reiche Farbenfkala der
Bilder, die fich aus der Buntheit der Koftüme
und alles übrigen Zubehörs ganz von felbft ergibt
. Auf den ^Veftbildern find, immer neben
dem Blau als leuchtendem Orgelton, das Saftgrün
der Bäume, das Gelb der Gewänder der
Chinefen und die orangefarben und feuerrot gc-
ftreifte Decke, die eben auf den Teetifch gelegt
wird, die bellimmenden farbigen Eindrücke. Auf
der Bilderfolge mit dem Akt wirkt diefer felbft
mit dem Weiß des Schiffes, einer kupferfarbenen
Decke und einem tiefblauen Baldachin über dem
Akt als ftärkfte farbige Potenz. Die beherrfchen-
den Klänge der Pierrotfzene aber ßnd das
Kupferrot des Schiffes, das Gelb der Gewänder
der Mohrenknaben, der mittlere rote Lampion
und der giftgrün- und gelbgeftreifte Turban der
Dame. Es gehört ein fehr gefchulter Farben-
gefchmack und eine nur dem echten Talent
eigene Sicherheit im Zufammenftimmen dazu,
um aus einer folchen wimmelnden, verwirrenden
Vielheit von Formen und farbigen Klängen
eine Eurhythmie und Harmonie zu fchalfen,
die den Befchauer wie eine füße, weiche Mulik
leicht ftreichelt und ihn, auch wenn erlichdeileii
gar nicht unmittelbar bewußt wird, in eine behagliche
, befriedete Stimmung verfetzt. Diez
hat das vermocht, mit diefer köftlichen Bilderfolge
, die als farbige Kompolition das Reiffte
ift, was er bis jetzt gefchaffen hat, und die, abführt
genommen, zu den bellen und originell-
ften dekorativen Schöpfungen unferer Tage
gehört. Nur der deutfehe Süden konnte diefe
raufchende S3~mphonie des Dafcinsglücks er-
fiimen. Und nur in der Sphäre Münchens erklingt
ße fo, wie fie gemeint ift.
Richard Bramigarl
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