Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 187
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H. STEINER-PRAG

AUS „DER TOD DES LÖWEN"

möge, doch darum niemals aufhört, ein Kind
leiner eigenen Zeit zu fein und mit deren fub-
tilften Nervenlchwingungen und brennendften
Sehnfüchten lebendigen Kontakt zu halten.
Wie der Zufatz, den er feinem Namen beigefügt
hat, fagt, entftammt Steiner der altertümlichen,
geheimnisreichen, von buntem Völkergemisch
durchfpülten und darum überaus romantilchen
Stadt Prag. Sie hat ihm felbft und feiner Kunft
die urfprünglichlle Prägung und die ganz be-
fondere Phyßognomie gegeben. Die Dunkelheit
und Heimeligkeit der Prager Gäßchen, die
mittelalterliche und barocke Pracht dortiger
Kirchen und Paläfte, das Pittoreske der Hrad-
fchin-Burg und das Kapriziöfe der umgebenden
Landfchaft kehren auf Steiners Graphik-Blättern
immer wieder. Dies alles muß er fchon
als Kind in fich eingebogen haben, es wühlt in
feinem Blut, es fpukt in feinem Hirn und es
ftrömt durch taufend rätfelhafte und fein ver-
äftelte Kanäle in feine fchaffende Hand und auf
die Kunftplatten, die er als Graphiker bearbeitet
. Immer wieder wird der Beschauer hineingezogen
in das feltfame und dunkle Gewirr
uralter GafTen und Winkelplätze, wo hochragende
Häufer fo abfonderlich windfchief da-
ftehen und sich zueinander hinneigen, als wollten
ihre fpitzen Giebel altvergefTene Schauergeschichten
einander zutufcheln. Und auch das
Innere der Häufer, mit wunderlich verfchrobenen
Korridoren und unüberßchtlichen Treppenfluren
, alles in ein beängftigendes Düfter getaucht
und von flackernden Irrlichtfcheinen durch-
hLischt, macht fich uns offenbar und wir finden
es ganz natürlich, wenn fahle Spukgeftalten dort
umhergeiftern, oder jähgezückte Dolche aufblitzen
, dem verhaßten Nebenbuhler mitten ins
Herz. Was gewiß zunächft Erfordernis poeti-
fcher Illuftrierung fein wird, enthüllt fich doch
zugleich, und wahrfcheinlich mit den tieferen
Wurzeln feines Wefens, als unentrinnbare Reminiszenz
früh empfangener Jugendeindrücke
und als feltlam-heimifches Gewächs aus des
Malers eigenftem Phantafiegarten.

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