Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 198
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CONSTANTIN GERHARDINGER

STIEFMÜTTERCHEN

einer Bildepidermis. Zugleich aber besaß er
etwas, das der heutigen Generation, nicht nur
den malenden und meißelnden Zeitgenossen
unter ihnen, sondern ihr in ihrer Gesamtheit,
abhanden gekommen zu sein scheint: er besaß
Ehrfurcht. Er hätte sich vor der wie eine Säule
der Verantwortung auf ihm lastenden Vergangenheit
mit ihren hohen Vorbildern bis ins
innerste Mark hinein geschämt, wenn er geglaubt
und gewagt hätte, seine Fortschrittlichkeit
durch die Vernachlässigung der Form, durch
eine in irgend etwas saloppe Zeichnung und
Malerei dokumentieren zu dürfen. Gerade bei
jenen Gemälden, die in ihrer äußeren Gestalt,
in der mehr aufgerissenen Malweise (man denke
an den „Bürgermeister" in Berlin, an das Bildnis
des Malers Szinyeiin Budapest,an den „Maler
Sattler mit Trübners Dogge" in München) als
lässiger in der Formgebung und damit als in
Widerspruch zu dem vorher Gesagten stehend
erscheinen könnten, war er am peinlichsten in
der Selbstkritik. Er wußte es, warum er sich
in dieser Malerei versuchte, aber auch, warum
er von ihr stets wieder zu einer viel mehr in der
Tradition gegründeten Art der Bildgestaltung
zurückkehrte. Beides: die Tradition ehren und

dem Fortschritt huldigen und, sei es dies, sei es
das, dafür in den eigenen Schöpfungen den entsprechenden
Ausdruck finden, fordert ungeheuere
Selbstkritik und ungewöhnlichen künstlerischen
Takt . . .

Leibis Vorbild müßte heute mehr als je der
Generation voranleuchten. Es gilt nicht, ihn zu
imitieren, ihm blind nachzumalen, indem man,
ihm gleich, die Palette aufsetzt und manche
Kunstgrille — das Wort im besten Sinne, —
über die er verfügte, nachahmt, oder indem
man wie er ein Bildschema aufbaut, die Flecken
verteilt und so seine Wirkungen erzielt. Leibis
Vorbild müßte vor allem die akademische Jugend
lehren, vor den Alten, vor der Tradition,
Respekt zu haben und sie hochzuhalten. Es gibt
auch daneben oder besser: damit, in diesem Bestreben
eine Art, fortschrittlich zu sein, so wie
Leibi fortschrittlich war und sein Freund Cour-
bet, der Leibis Modernität bestätigte. Es gilt:
nur nicht in der Einbildung leben, daß es mit
dem Zerschlagen überkommener künstlerischer
Gesetze und der guten, durchempfundenen und
durchgearbeiteten Form allein getan sei oder zu
tun wäre. Auch hinter dem Berg wohnen Leute!

A. D.

198


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