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GOTISCHE CHARAKTERKÖPFE
Fest und klar umrissen steht in der Vorstellung
des Kunstfreundes der Sinn des Wortes
und Begriffes „Gotisch". Die Gotik gipfelt
für ihn in den Domen des Mittelalters und in
den Meisterwerken deutscher Bildschnitzkunst,
die zwischen i420 und 1520 entstanden,also am
Ausgang der gotischen Periode, als über die Alpen
schon die Wogen der Renaissance, der neuen
Weise in der Kunst, herüberschlugen. Goethe,
der Jüngling in S traßburg, der noch nicht durch
die Schule der Antike gegangen war, hat den
Deutschen das Wort „Gotisch" heilig gemacht.
Zwar hat er nichts von der nordfranzösischen
Gotik, die aller Gotik Mutter ist, gewußt, aber
desto unbefangener und aus übervollem Herzen
.sprudelnd hat er von der deutschen Gotik, von
der Gotik des S traßburger Münsters und des heiligen
, ihm und uns heiligen Erwin von Steinbach
, geschrieben. Wie es ahnungsreichen, genialen
Geistern ergeht, denen die weiseste Wahrheit
auch ohne wissenschaftliche Begründung
zuströmt, so geschah es auch ihm. Er sagt: „Laßt
die Bildnerei aus den willkürlichsten Formen
bestehen, sie wird ohne Gestaltsverhältnis zusammenstimmen
, denn eine Empfindung schuf
sie zum charakteristischen Ganzen — und diese
charakteristische Kunst ist die einzige wahre.
Wenn sie aus inniger, einiger, eigener, selbständiger
Empfindung um sich wirkt, unbekümmert
, ja unwissend alles Fremden, da mag
sie aus rauher Wildheit oder aus gebildeter
Empfindsamkeit geboren werden, sie ist ganz
und lebendig."
Mil diesen \\ orten im Bewußtsein muß man
den wundervoll gedruckten und vornehm ausgestatteten
Band „Gotische Charakterköpfe" in
die Hand nehmen, gründlich ansehen und in
sich aufsaugen, den der Maler und Plastikken-
ner Hubert Wilm in überaus reizvoller Weise
und Anordnung zusammenstellte, einleitete
und erläuterte und der im Verlag von F. Bruck
mann A.-G. in München kürzlich erschien.
Hubert VN ilm sagt in seiner anziehenden, durchaus
selbständigen einführenden Studie, daß bei
den gotischen Figuren der Kopf der Hauptaus-
Hubert Wilm, Gotische Charakterküpfe. Preis M. 15.—. München
1925. Verlag F. Bruckmann A.-G. Die Abbildungen
dieses Aufsatzes sind diesem Buche entnommen.
drucksfaktor sei, daß sich alles auf das Antlitz
konzentriere, das, ob sanft, ob leidenschaftlich,
von einer Geistigkeit erfüllt sei, deren frühere
und spätereZeiten ermangeln. IngotischenKöp-
fen ist der bis zur Grimasse gesteigerte, manch
mal wohl überspitzte, zumeist aber ins Zentrum
der Individualität treffende und unmittel
bar zumPIerzen sprechende Ausdruck höchster
Kunst und Charakterisierung lebendig, alle
Kraft der Physiognomik ist um sie und über
und in ihnen. In ihrer Gesamtheit, aus allen
deutschen Gauen, zum Teil auch von jenseits der
Grenze herbeigerufen und in diesem Buche versammelt
, wächst die Gemeinschaft sakraler und
profaner gotischer Köpfe über die Einzelindividualität
hinaus zu einer Art von Zeitgenossenschaft
markanter Typen. Wilm sagt: „In diesen
Gesichtern lesen, heißt dem Geist des Mittelalters
ins Auge blicken." Nicht im einzelnen
Werk erkennt man dies, aber an der Gesamt
heit der etwa hundert gotischen Köjafe, denen
vergleichshalber einige romanische und einige
Renaissance-Charaktere beigegeben sind. Solchermaßen
wächst das Werk oder vielmehr
wuchs das Unternehmen, dem das \\ erk entquoll
, weit hinaus über eine rein kunsthistorische
Angelegenheit, etwa zu zeigen, wie Pa-
cher, Riemenschneider, Grasser, Lemberger,
Schramm und Mauch im Ausdruck differieren,
oder wie sich durch zwei Jahrhunderte die individualisierende
Charakteristik entwickelte. Flier
liegt, wenigstens in den entscheidenden Grund
linien, eine aus den menschlichen Charakteren,
wie sie die Gesichtsbildung verrät, sprechende
Zeit- und Kulturgeschichte. Diese Menschen
in ihrem Gesichtsausdruck, in dem sich der
Ausdruck von Menschen ihrer Zeit spiegelt, sind
die Träger des Zeitgedankens und der Zeitstimmung
des ausgehenden Mittelalters, in ihren
Köpfen erkennt man die Zeichen der Zeit, die
aus der Idee der Kompaktheit und der Verharrung
hinüberleitet zur Bewegung der Renaissance
, des Humanismus, der Reformation.
Das Buch ist also nicht eine rein kunsthistorische
Leistung, sondern es greift, unbeschadet der
wissenschaftlichen Methode, weiter aus und eröffnet
Perspektiven in weltgeschichtlicheWeiten.
Wolf
Die Kunst ftir Alle. XX \X.
201
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