Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 208
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APHORISMEN UND VERSE VON C. D. FRIEDRICH

ÜBER KUNST UND KUNSTGEIST
Es sei mir vergönnt, noch einmal in aller Kürze
meine Ansichten über das, was Kunst and
Kunstgeist in dem Menschen ist, zu zeigen. Du
sollst Gott mehr gehorchen denn den Menschen.
Jeder trägt das Gesetz von Recht und Unrecht
in sich; sein Gewissen sagt ihm: dieses zu tun,
jenes zu lassen. Die heiligen zehn Gebote sind
der reine lautere Ausspruch unser aller Erkenntnis
vom Wahrhaften und Guten. Jeder erkennt
sie unbedingt als die Stimme seines Innern, nie
mand kann sich dagegen empören. Willst du
dich also der Kunst, widmen, fühlst du einen Be-
ruf, ihr dein Leben zu weihen, oh! so achte genau
auf die Stimme deines Innern, denn sie ist
Kunst in uns. Hüte dich vor kalter Vielwisserei,
vor frevelhaftem Vernünfteln; denn sie tötet
das Herz, und wo das Herz und Gemüt im
Menschen erstorben sind, da kann die Kunsl
nicht wohnen! Rewahre einen reinen kindliehen
Sinn in dir und folge unbedingt der Stimme
deines Innern; denn sie ist das Göttliche in uns
und führt uns nicht irre.

Heilig sollst du halten jede reine Regung deines
Gemütes; heilig achten jede fromme Ahndung:
denn sie ist Kunst in uns! In begeisternde]1
Stunde wird sie zur anschaulichen Form; und
diese Form ist dein Rild! Keiner soll mit fremdem
Gute wuchern und sein eignes Pfund vergraben
! Nur das ist dein eignes Pfund, was du
in deinem Innern für wahr und schön, für edel
und gut anerkennst!

Mit eignem Auge sollst du sehen und, wie dir
die Gegenstände erscheinen, sie treulich wiedergeben
; wie alles auf dich wirkt: so gib es im
Bilde wieder! Vielen wurde wenig, wenigen viel
zuteil: jedem offenbart sich der Geist der Na
tur anders; darum darfauch keiner dem andern
seine Lehren und Regeln als untrügliches Gesetz
aufbürden. Keiner ist Maßstab für alle;
jeder nur Maßstab für sich und für die mehr
oder weniger ihm verwandten Gemüter. So ist
der Mensch dem Menschen nicht als unbedingtes
Vorbild gesetzt, sondern das Göttliche, Unendliche
ist sein Ziel. Die Kunst ist unendlich,
endlich aller Künstler Wissen und Können.
Nach dem Höchsten und Flerrlichsten mußt du

Aus: Caspar David Friedrich, Bekenntnisse. Verlag Klinkhardt
& Biermann, Leipzig.

ringen, wenn dir das Schöne zuteil werden soll.
Darum, ihr Lehrer der Kunst, die ihr euch
dünket so viel mit curein \\ issen und Können,
liütel euch sehr, daß ihr nicht einem jeden
tyrannisch aufbürde! eure Lehren und Regeln:
denn dadurch könnl ihr leichtlich zerknicken
die zarten Blumen, zerstören den Tempel der
Eigentümlichkeit, ohne den di r Mensch nichts
Groin s \ ermag! Ihr vermöget doch nichts Besseres
aufzubauen: wie viel ihr euch auch dünket
, das Eigentümliche im .Mensehen zeigt sich
auf eigene Weise, jeder nach seiner inneren
Natur auf andere Art. Eure Lehren können tnil
sein, doch für einen jeden passen sie nicht; denn
nicht jede Blume gedeihet auf jedem Roden.
Nur Gottes Gesetze gelten für alle und sind in
aller Mensehen I [erzen geschrieben, die heiligen
zehn Gebole.

DER KÜNSTLER ÜBER SICH SELBST

. . . . Was uns in besseren Stunden, wo sich der
Mensch dem Ewigen näher fühlet, das volle
Herz bewegt, das vermögen deine und keines
Menschen \\ orte auszusprechen. Nur Tränen
sind es, und diese erkennt nur der, so Herz und
Nieren prüfet.

Ihr nennt mich Menschenfeind,
\\ eil ich Gesellschaft meide,
Ihr irret euch,
Jch liebe sie.

Doch um die Menschen nicht zu hassen.
Muß ich den Umgang unterlassen.

Warum, die Frag ist oft zu mir ergangen,
Wählst du zum Gegenstand der Malerei
So oft den Tod, Vergänglichkeit und Grab?
Um ewig einst zu leben,
Muß man sich oft dem Tod ergeben.

Ihr lobt mich oft mit lauten Zunsren,

Wie wunderschön ist dies gelungen,

\\ ie tief und herrlich durchgedacht.

Oft schwieg ich still. Oft hab ich auch gelach l

Doch wenn ich das, was ich mit voller Secl"

empfunden,
\ \ as frei voll Geis t dem Pinsel mir enlsch wunden.
Gezeigt, und ihr seid kalt geblieben,
Konnt's in der Seele mich betrüben.

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