http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0271
JULIUS SCHÜLEIN
HOTELGARTEN
zu unterstützen und vieles gutzumachen, was
sie in den Inflationsjahren versäumen mußten,
wissen nichts Besseres zu tun, als es auf Auktionen
für totes Anerkanntes zu verschleudern...
Das sind vor allem Sünden gegen das vornehmste
Gebot des Museumsleiters: die starken Talente
seiner Generation zu fördern."
Dieser so temperamentvoll zum Ausdruck gebrachte
Standpunkt, den ohne Zweifel die meisten
der in hartem Existenzkampf stehenden lebenden
Künstler teilen werden, ist trotzdem einseitig
. Auktionen sind für die Ökonomie des
Kunstbetriebs unerläßlich. Sie sind die großen
Regulatoren der Preisbildung, und sie bilden den
Anreiz des Kunstmarktes, ohne den der Künstler
nicht bestehen kann. Gehen die Preise für
Kuns twerke, sei es alter, verstorbener oder noch
lebender Künstler, bei den Versteigerungen in
die Höhe, so haben aus diesem Anziehen auch
die Künstler selbst für künftige Verkäufe ihren
Vorteil. Von „Uberbietmigstaumel" kann auch
nicht wohl die Rede sein. Kürzlich gingen aus
der Sammlung von Neufville beglaubigte Spitzweg
-Bilder um 2500 M. und i4ooM. weg— eine
sehr niedrige Summe, wenn man sie mit den
Preisen vergleicht, die im Frieden für Spitzweg
gezahlt wurden. Das Publikum der Auktionen
handelt durchaus nicht im Taumel. Wenn auch
— und dies gehört zur Psychologie der Auktionen
— Hauptstücke stets heiß umstritten sein
werden, so wissen doch die seriösen Sammler,
die heute, wo nicht mehr das Bestreben der
Kapitalsanlage das Agens der Kunsterwerbungen
ist, wieder vorherrschen und einen im Interesse
des deutschen Kunstlebens wärmstens zu begrüßenden
Kreis auf den Auktionen bilden, bis
zu welcher Höhe sie nach sorgfältiger Prüfung
der einzelnen Objekte gehen können und dürfen.
Bliebe also der gegen die Museumsleiter erhobene
Vorwurf. Gewiß ist es deren Aufgabe, die Kunst
der Gegenwart zu erkennen und zu fördern.
Aber wenn ein Museumsleiter, der etwa einer
noch jungen städtischen Sammlung vorsteht, wie
es deren z. B. im Rheinland eine große Reihe
gibt, auf einer Auktion einen Menzel, Marees,
Feuerbach, Spitzweg, Trübner oder gar einen
Leibi bekommen kann und hat den Meister
noch nicht in seiner Galerie vertreten, so wäre
es ganz einfach Unterlassungssünde, ihn nicht
zu erwerben. Den heute schaffenden Künstlern
muß seitens der öffentlichen Kunstpflege selbstverständlich
jede Förderung zuteil werden, aber
sie muß andere Wege finden, als den Museumsleitern
den Einkauf auf Auktionen zu verbieten.
221
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0271