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EDUARD VON GEBHARDT f
In den ersten Tagen des Februar hat sich das
Grab über Eduard von Gebhardt geschlossen,
der lange Jahrzehnte hindurch als der eigentliche
Repräsentant der „Düsseldorfer Malerei" in
jedem Sinne, vor allem auch außerhalb der
Mauern Düsseldorfs gegolten hat. Der Künstler
, 1838 in Reval in Estland geboren, hat seil
den sechziger Jahren in Düsseldorf geschaffen,
seit 1874 als Akademieprofessor,und ist ganz zum
Düsseldorfer geworden, den Alteren der verehrte
Altmeister, den naturnotwendig dem
Sinn seines Schaffens entgegengesetzten Jüngeren
zum wenigsten eine geachtete Persönlichkeit
. Als eine mit seinem künstlerischen Wirken
schon geraumeZeit historisch gewordene Gestalt,
hat er doch bis in die letzten Tage seines Daseins
hinein als eine wahrhaft menschliche Persönlichkeit
Wirkung ausgeübt. Diese menschlich-
individuelle Struktur
seiner Existenz hat
auch seinen künstlerischen
Werken das
Zeichen gegeben. Das
Pathos des Bekenners
, hervorgewachsen
aus entschiedenem
Pro tes tan tismus,
geht durch alle seine
großenreligiösen Bilder
. Historisch gesehen
gehören al le diese
V\ erke ihrem seelischen
Untergrund
wie ihrer Form nach
zu der Zeit deutscher
Malerei des 1 g. Jahrhunderts
, die zwischen
1870 und 1880
in feierlicher Pathetik
den nach außen gerichteten
Drang der
Zeit auf festliche,
über den Alltag hin
ausführende Wirkung
zur Form gebracht
hat. Wie diese
ganze Epoche des
deutschen Geistesie- E. v. GEBHARDT
Ihm is, so sind auch ihre charakteristischen künstlerischen
Äußerungen deiiMillebenden der Gegenwartfremd
und fern. Sic erscheinen überlastet mi l
ethischen Absichten, überfrachtet mit der schwe
ren Bürde der Idee. Das eigentliche künstlerisch
Schöpferische ist dabei zu kurz gekommen.
Wahrhaft lebendig aber sind uns und werden
bleiben aus dem umfangreichen Werk Eduard
von Gebhardts neben so manchen ganz ursprünglich
gesehenen und geformten Studien zu größeren
religiösen Darstellungen vor allem jene
Porträtköpfe aus den sechziger Jahren, die in
ihrer ungedanklichen Frische die feine Malkultur
des jungen Künstlers erweisen. Hier zeigt
sich, wo! ü zum einzigen Male, der reine Kü nstler,
der nicht einer Idee als Grundlage der Vorstellung
bedarf, der durch seine Form selbst die Er
scheinung zum Symbol erhebI.
Mit diesem vereh-
rungswürdigen Greis
is l — nach Fri tz Roe-
ber, Max Volkhart
und manchen ande
ren — ein charaktervoller
Vertreter des
„alten" Düsseldorf
ins Grab gesunken.
Neues Leben beginnt
sich auf mancherlei
Feldern zu regen.
neueSchaffensfreude.
die zumeist fernab
von offiziellem Betrieb
zur eigentlichen
Wirkungkomml. Es
ist mehr als ein Zufall
, daß am Tage der
Beisetzung Eduard
von Gebhardts der
11 e uc Akademiedirektor
Walther Kaes-
bach die Ausstellung
„Junge Kunst" eröffnen
und dabei in
feiner Pietät an den
Altmeister erinnern
konnte.
SELBSTBILDNIS 1925 Dr. Eridl Rdn
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