Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 225
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VITTORE CARPACCIO

DER LÖWE DES HEILIGEN MARKUS

Venedig, Dogenpalast

DAS VENEDIG DES VITTORE CARPACCIO

Ein deutscher Professor hat in dem Zeitalter,
da man historische Malerei im Geiste Pi-
lotys betrieb, den Satz geformt: „Die Kunst ist
berufen, die Geschichte aus dem Gedächtnis ins
Herz zu verpflanzen." Er dachte dabei wahrscheinlich
an die bildlichen Rekonstruktionen
oder Konstruktionen mehr oder minder belangreicher
Haupt- und Staatsaktionen, wie sie damals
überall betrieben wurden, und er hatte
in diesem Sinne nicht Recht. Wohl aber hatte
er Recht, wenn er den Satz in dem tieferen
Verstände des „saxa loquuntur" meinte, wenn
er anmerken wollte, daß Kunstwerke die besten,
jede archivalisebe Quelle an Schlagkraft und
Wirksamkeit weit hinter sich lassenden Zeugen
der Zustände und Geschehnisse, der Kultur ihrer
Zeiten seien. Unser am leidenschaftlichsten arbeitender
Sinn ist das Gesicht: schaue ich in das
Bild eines alten Malers hinein, der ein frohgemuter
und gestaltungskräftiger Schilderer seiner
Umwelt gewesen, so wacht durch die Mittlerschaft
seiner Kunst das verschlafene Wissen um
alte Dinge und Begebenheiten, um ferne Zeiten,
Menschen und Schicksale wieder auf und führt
fortan in der lebendigen, die Persönlichkeit erfüllenden
, warmen Vorstellung, nicht nur in historisch
-statistischem Formalismus ein mannigfaltigeres
Dasein.

In dieser Weise erweckt das \Verk des Vittore
Carpaccio, des großen venezianischen Malers,
dessen Stern in den letzten Jahrzehnten des

Quattrocento emporstieg, das Kulturbild der
zauberischen Venezia, „der Königin der Adria",
wie sie sich in ihrem städtebaulichen Charakter,
in ihren Bauten, in ihren Menschen und deren
Aussehen, Erscheinung, Sitten und Gebräuchen
am Ausgang des 15. Jahrhunderts darstellte.
Auf Carpaccios unbefangen aus dem venezianischen
Staats- und Volksleben gegriffenen Gemälden
, die auch dann, wenn es sich um Legendendarstellungen
oder biblische Motive handelt
, die „Fabel", den thematischen Vorwurf,
nur als Vorwand benützen, um dahinter das
Leben und Treiben der eigenen Zeit aufzubauen
, ist uns das klarste Abbild der Kultur und
Zivilisation jener fernen Tage überkommen.
Zu dem umfangreichen Holz tafeldruck werk des
Jacopo de' Barbari, das Venedig mit seinen
Plätzen, Gassen, Kanälen und Bauwerken planartig
aus der Vogelperspektive aufreißt, geben
die Gemälde Carpaccios und einiger seiner künstlerischen
Freunde und Zeitgenossen die Staffage,
sie zeigen an, wie sich das venezianische Leben
der Nobili wie des gemeinen Volkes in seiner
äußeren Erscheinung anließ, wie Paläste, Stuben
und Möbel aussahen, wie sich die Venezianer
und die Venezianerinnen trugen, wie der Doge
in der Prozession schritt, wie es am Rialto, auf
der Piazza, an der Riva und am Canalazzo zuging
, wie sich die Sitten des Verkehrs darstellten
, von welcher Gestalt Schiffe, Barken, Wäffen
waren und was solcher Dinge, aus deren Viel-

Die Kunst für Alle. XXXX, 8. - Mai 1925

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