Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 228
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0280
lieit sich eine Welt erschaffen läßt, mehr sind.
Was die Stellung Carpaccios in der Geschichte
der venezianischen Malerei anlangt, so hat schon
John Ruskin die Frist von i48o his 1510 „Das
Zeitalter des Carpaccio" genannt. Dies ist ein
Zeugnis ganz außerordentlicher Urteilskraft,
denn die ältere Kunstgeschichtsforschung wurde
Carpaccio nie völlig gerecht, sondern sah in ihm
nur ein Schultalent, dem man das Epitheton des
„naiven, liebenswürdigen und zuvielen schalkhaften
Legendenerzählers" verlieh.
Wir wissen es heute besser, und gerade im Rahmen
einer Darstellung, die den kulturhistorischen
Zug im Schaffen Carpaccios bewußt betont
, muß die unerhörte Kraft des Malers, des
Künstlers Carpaccio nachdrücklichst festgestellt
werden. Wir kennen die mystischen Elemente
, die in den Bildern Carpaccios geistern,
wir sind uns der ungewöhnlichen kompositioneilen
und koloristischen Qualitäten Carpaccios
bewußt und schätzen seine Kunst so hoch, daß
wir sein Werk auch unbesorgt einmal von der
stofflichen Seite her betrachten dürfen.
Vittore Carpaccio ist ein genauester Kenner der
subtilsten Details venezianischen Wesens. Sein
Name, der etwa so viel bedeutet wie „Schühlein"
und uns unwillkürlich an den Ulmer Meister
Schüchlin gemahnt, gibt uns keinen genauen
Aufschluß über seine Herkunft. Carpaccio selbst
nennt sich einen Venezianer, aber irgendwie steht

über die Jahrhunderte hinweg im Hintergründe
die Vermutung, daß er oder seine Familie aus
Istrien stamme, was einen gewisen Zug zu orientalischer
Üppigkeit und Märchenseligkeit, die
ihn, den Novellisten, gegenüber dem realistischen
Schilderer Gentile Bellini auszeichnet, aus Rassemomenten
unschwer erklärbar machte. Denn
man darf dies nicht übersehen: wie sehr auch
Carpaccio hinsichtlich aller Einzelheiten in einer
fast pedantischen Tatsächlichkeit und Wirklichkeit
wurzelt, weht doch über seiner Gesamtschöpfung
der poetische Hauch, der Märchenzauber
, der undefinierbare Duft des Absonderlichen
und Romantischen, das ihn aus der Mitte
seiner Zeitgenossen heraushebt und das etwa nur
noch bei Giovanni Bellinis symbolischen und
allegorischen Kabinettstücken vorkommt. Die
Haujjtwerke des Carpaccio, dessen Lebenszeit
zwischen 1455 und 1526 liegen dürfte, sind fast
alle vor 1510 gemalt: Die „Ursulalegende",
heute in der Akademie in Venedig, wird i488
dem Maler aufgetragen und ist spätestens 1498
vollendet. Die Frist von 1502 bis 1508 bezeichnet
Flausenstein als die Zeit von Carpaccios
größtem öffentlichen Ansehen. Damals malte
er im Dogenpalast sozusagen als „Chefkünst-
ler", aber von diesen Arbeiten hat, wie von so
vielem der venezianischen Kunstleistung dieser
Zeit, der große Brand des Palazzo Ducale um
Weihnachten 1577 nichts übrig gelassen. Von

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