Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 229
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0281
den Bildern Carpaccios, die sich im Oratorio
degli Schiavoni befinden, können wir annehmen
, daß sie im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts
entstanden: der „Heilige Hieronymus
als Kardinal in seiner Studierstube" wird ins
Jahr 1505 zu setzen sein. Etwa um diese Zeit
malte Carpaccio die „Courtisanen auf dem Balkon
" (Venedig, Museo Civico). Von anderen
hier abgebildeten Bildern gehört. „Das Wunder
des Hl. Kreuzes", das auch „Der Patriarch von
Grado heilt mit der Hl. Kreuz-Reliquie einen
Besessenen" genannt wird, in das Jahr i4g6,
in eben die Zeit, da Giovanni Mansueti sein
verwandtes Bild „Die Brüder von San Giovanni
Evangelista wollen die Kreuzreliquie nach
San Lio tragen" entstand und Gentile Bellini
seine trotz aller sachlichen Nüchternheit grandiose
„Prozession auf dem Markusplatz" malte.
Aus diesen Werken allen, nicht nur aus ihrem
Gesamteindruck, sondern fast mehr noch aus
ihren minutiösen Einzelheiten, die gewissermaßen
Binnenbilder, Bilder innerhalb der Bilder
, darstellen, steigt uns das Venedig des ausgehenden
15. Jahrhunderts auf. Es ist jene noch
nicht im politischen Verfall hinsinkende meerbeherrschende
Stadtrepublik, deren ausgezeichnete
staatliche Einriebtungen, deren politische
Umsicht, deren sozialen Sinn und kulturellen
Hochstand Jakob Bnrckhardt in einer klassisch
kurzen, aber eindringlichen Skizze innerhalb

seiner „Kultur der italienischen Renaissance"
geschildert hat. Die hier gegebenen Ausschnitte
aus den Bildern Carpaccios, Gentile Bellinis
und Mansuetis könnten als Illustrationen zu den
Worten Burckhardts genommen werden. Die
Paläste, vor und in denen sich die Vorgänge der
Ursulalegende begeben, sind die Paläste Venedigs
, vielleicht noch ein wenig märchenhafter
als sie aus dem Canale grande aufsteigen, aber
ganz erfüllt von venezianischer Baugesinnung.
Ebenso echt ist das geschäftige Treiben an und
unter der alten hölzernen Rialtobrücke, wo sich
die Gondeln drängen, so war das Wasserleben
der Adria-Republik. Schiffe sind da von, man
möchte sagen: romantischer Konstruktion; beschaut
man sie, die Carpaccio zweifellos mit
aller technischen Akribie abgeschildert hat, so
fährt einem durch den Sinn, daß in eben dieser
Zeit mit dreien solcher Karavellen Christoph
Columbus den Weg nach Westen einschlug
und Amerika entdeckte, daß wir uns im Zeitalter
der großen Seekriege befinden und daß
das Meer Venedig mächtig und reich machte.
Dies auch sind die Männer und Frauen Venedigs
. Von manchem, den wir auf Carpaccios
und Gentile Bellinis Bildern schauen, wissen
wir sogar den Namen. Denn beide malten nicht
Typen, sondern Individualitäten, fest umrissene,
prägnante Persönlichkeiten, die aber in ihrer
Aneinanderreihung gleichwohl ein überzeugen-

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