Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 232
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VITTORE CARPACCIO

DIE STUDIERSTUBE DES HL. HIERONYMUS
Venedig, Oratorio degli Schiavoni

des Bild des venezianischen Typus vermitteln.
So wissen wir, daß auf jener Gruppe der Patrizier
Pietro Loredan und seine Prüder zu erblicken
sind und daß hier Katharina Cornaro,
die Tochter der Republik, die Königin von
Cypern, zu sehen ist: da gleitet dann die Erinnerung
nach Asolo, nach dem friulanischen Musensitz
Katharinas, und die Vorstellung des kultiviertesten
Lebens auf dem Lande stellt sich ein. Das
„Courtisanen"-Bild bindet den Sinn mehr an
das Irdische, es ist ein grandioses Zustandsbild,
das erste überragende Sittenbild der europäischen
Malerei, das um so überzeugender spricht,
je mehr man sich aus sonstigen Persönlichkeits-
bildnissen Carpaccios des Kontrastes bewußt
wird. Denn es wird wohl kaum ein schärferer
Widerspruch und Gegensatz ausgefunden werden
können als der zwischen diesen käuflichen
Weibern und der träumenden engelsgleichen
Ursula oder der schmerzvollen Mutter, die ihr

Kind in die Ferne ziehen läßt. So baut sich aus
Kontrasten, aus Innen und Außen Carpaccios
venezianische Welt auf. Da ist das Treiben aut
dem Platze, des orientalischen Einschlages nicht
entratend, wenn die fremde Gesandtschaft eintrifft
, und da ist die Stille der Studierstube, die
Welt der beglückendsten Einsamkeit, in der der
heilige Gelehrte arbeitet. Wie erfüllen da minutiöse
Einzelheiten: Bücherborde und Bücherschränke
mit sinnvollen Einrichtungen, Kleinkunstwerken
und Bronzen, Astrolabien, Büchern
, Möbeln den Raum! Wie entzückend ist
das Schreibtisch-Stilleben im Schlafgemach der
heiligen Ursula! Wohin der Blick fällt, trifft
er auf Uberfluß. Man möchte den Augen die
Gottfi'ied Kellersche Mahnung geben: Trinkt
vom Uberfluß, was die Wimper hält! Trinkt
und baut euch die Welt des zauberischen, märchenhaften
alten Venedig wieder auf, wie es einer
seiner würdigsten Söhne euch zu zeigen hat.

Georg Jacob Wolf

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