Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 236
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VENEDIG AM ENDE DES 15. JAHRHUNDERTS

Die Inselstadt Venedig erschien zu Ende des
15. Jahrhunderts wie das Schmuckkästchen
der damaligen Welt. Sabellico schildert
sie als solches mit ihren uralten Kappelkirchen,
schiefen Türmen, inkrustierten Marmorfassaden,
mit ihrer ganz engen Pracht, wo die Vergoldung
der Decken und die Vermietung jedes
W iukels sich miteinander vertrugen. Er fuhrt
uns auf den dichtwogenden Platz vor S. Giaco-
metto am Rialto, wo die Geschäfte einer Welt
sich nicht durch lautes Reden oder Schreien,
sondern nur durch ein vielstimmiges Summen
verraten, wo in den Portiken ringsum und in
denen der anstoßenden Gassen die Wechsler
und die Hunderte von Goldschmieden sitzen,
über ihren Häuptern Läden und Magazine ohne
Ende; jenseits von der Brücke beschreibt er den
großen Foncado der Deutschen, in dessen Hallen
ihre Waren ruhen und ihre Leute wohnen,
und vor welchem stets Schiff an Schiff im Canal
liegt; von da weiter aufwärts die Wein- und
Oelflotte, und parallel damit am Strande, wo es
von Facchinen wimmelt, die Gewölbe der Händler
; dann vom Rialto bis auf den Markusplatz
die Parfümeriebuden und Wirtshäuser. So geleitet
er den Leser von Quartier zu Quartier
bis hinaus zu den beiden Lazaretten, welche
mit zu den Instituten hoher Zweckmäßigkeit
gehören, die man nur hier so ausgebildet vorfand
. Fürsorge für die Leute war überhaupt ein
Kennzeichen der Venezianer, im Frieden wie
im Kriege, wo ihre Verpflegung der Verwundeten
, selbst der feindlichen, für andere ein
Gegenstand des Erstaunens war. Als ihre politischen
Tugenden werden von einem Zeitgenossen
aulgezählt: Güte, Unschuld, mildtätige
Liebe, Frömmigkeit, Mitleid.
Was irgend öffentliche Anstalt hieß, konnte in
Venedig sein Muster finden; auch das Pensionswesen
wurde systematisch gehandhabt, sogar in
Betreff" der Hinterlassenen. Reichtum, politische
Sicherheit und Weltkenntnis hatten hier das
Nachdenken über solche Dinge gereift: Diese
schlanken, blonden, meist kurzgeschorenen
Leute mit dem leisen, bedächtigen Schritt und
der besonnenen Rede unterschieden sich in
Tracht und Auftreten nur wenig von einander;
den Putz, besonders Perlen, hingen sie ihren

Frauen und Mädchen an. Damals war das allgemeine
Gedeihen, trotz großer Verluste durch
die Türken, noch wahrhaft glänzend; aber die
aufgesammelte Energie und das allgemeine Vorurteil
Europas genügten auch später noch, um
Venedig selbst die schwersten Schläge lange
überdauern zu lassen : die Entdeckung des Seewegs
nach Ostindien, den Sturz der Mame-
lukenherrschaft von Ägypten und der Krieg
der Liga von Cambrai.

Sabellico, der an das ungenierte Redewerk der
damaligen Philologen gewöhnt war, bemerkte
mit einigem Erstaunen, daß die jungen Nobili.
welche seine Morgenvorlesungen hörten, sich
gar nicht auf das Politisieren mit ihm einlassen
wollten: „wenn ich sie frage, was die Leute von
dieser oder jener Bewegung in Italien dächten,
sprächen und erwarteten, antworteten sie mir
alle mit einer Stimme, sie wüßten nichts." Man
konnte aber von dem demoralisierten Teil des
Adels trotz aller Staatsinquisition mancherlei
erfahren, nur nicht so wohlfeilen Kaufes. Im
letzten Viertel des 15. Jahrhunderts gab es Verräter
in den höchsten Behörden; die Päpste, die
italienischen Fürsten, ja ganz mittelmäßige Con-
dottieren im Dienste der Republik hatten ihre
Zuträger zum Teil mit regelmäßiger Besoldung;
es war soweit gekommen, daß der Rat der Zehn
für gut fand, dem Rat der Pregadi wichtigere
politische Nachrichten zu verbergen, ja man
nahm an, daß Lodovico Moro in den Pregadi
über eine ganz bestimmte Stimmzahl verfüge.
Wenn die Feinde Venedigs auf Ubelstände
dieser Art jemals ernstliche Hoffnungen gründeten
, so irrten sie sich gleichwohl. Der Grund
von Venedigs Unerschütterlichkeit liegt in einem
Zusammenwirken von Umständen, die sich sonst
nirgends vereinigten. Unangreifbar als Stadt,
hatte es sich von jeher der auswärtigen Verhältnisse
nur mit der kühlsten Überlegung angenommen
, das Parteiwesen des übrigen Italiens
fast ignoriert, seine Allianzen nur für vorübergehende
Zwecke und um möglichst hohen Preis
geschlossen. Der Grundton des venezianischen
Gemütes war daher der einer stolzen, ja verachtungsvollen
Isolierung und folgerichtig einer
stärkeren Solidarität im Innern.

(Aus Jacob Burckhardts „Kultur der Renaissance".)

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