Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 246
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0300
der Leistungen solcher, die wie Jan ^tursa noch
ganz Kinder der Erde sind, .Bauernblut, das
triebhaft in seine Gestaltung hineinwächst. Man
hat denn auch diesen tschechischen Bildhauer
früh gewürdigt, in den Galerien von München
und Venedig stehen Werke von ihm, und besonders
seine Heimat hat in ihm die große
ursprüngliche Begabung geliebt und gewertet.
Stursa gab mit seiner Kunst der jungen Bewegung
ein Wichtigstes: das Erlebnis der Erde.
Er ist weniger Stilbildner als Inhaltspender. Sein
gesundes Blut mischt sich in die stilwilligen
Kräfte der Zeit und läßt sie zu jener Üppigkeit
schwellen, die besonders unserer so bewußten
Zeit notwendig ist.

ätursa ist ganz Kind seiner heimischen Erde.
Was er schafft ist ihr Geschenk. Was er ihr
zurückgibt an gebildeter Gestalt, ist sein Dank
au sie. Schon zu viel Trennung und Scheidung
und Verlust liegt in solchen Worten. Stursa hat
die tiefe Kluft zwischen Erlebnis und Darstellung
nie in ihrer letzten tragischen Gefährlichkeit
empfinden müssen. Er hat nicht verloren.
Das gibt seinem Wrerk diesen innigen Zauber,
dieses noch ganz Darinstehen im Natürlichen,
ein Atmen aus dem größeren Atem der Natur
heraus. Dabei die zarte Anmut, die seine Natürlichkeit
so bezwingend erscheinen läßt. Nicht
zyklopenhaft, tölpisch reißt er die Kraft aus der
Erde heraus. Mit Hirtenliedern lockt er sie hervor
, in weichen Schalen fängt er ihre Kräfte.
Das Knospende ist Stursas Element. Jungfräulich
sieht er die Erde zumeist, und alle seine
Mädchenfiguren, diese taufeuchten erdwarmen
Geschöpfe des Morgens, herb und schmeichelnd
zugleich, sind wie Lieder auf dieses Motiv
keuscher Verehrung. Noch halb im Traum,
so lösen sie sich von einer mütterlichen Erde.
Und diese Figuren gehören zum Ausgewogensten
, was junge Plastik hervorgebracht hat.
Aber Stursa bleibt nicht vor der Erde stehn. Er
greift kernig in sie hinein. Er ahnt nicht nur, er
weiß auch ihre Kraft. Das reife mütterliche Weib
wird ihm Symbol, das Fruchtbare, Elementhafte
des Lebens gestaltet er im massig gesehenenKör-
per. Doch solche Zweiheit der Motive darf nicht
im Entwicklungssinne gesehen werden, etwa im
Schema des Vorschreitens von der Pubertät zum
Mann tum. Beide Ausstrahlungen gehören zu diesem
Wesen, wie ja auch die Erde Primavera
und Pomona zugleich ist. Traum und Erfüllung
schlingen sich in diesem Schaffen zum einen,
nur in der Gestalt verschiedenen Wesen.

Mit diesen beiden Erscheinungsformen der Stur-
saschen Psyche hat man auch die beiden im
Grunde schaffenden Gestaltungsprinzipien^tur-
sas erfaßt. Das Herbknospende, Quattrocen-
tistische hüllt die Form in jene zarte kosende
Atmosphäre des W^artens und Fragens. Das
Weibhaft-Schwellende lockt sie in derben Ge-
stus, in schwergewichtige Ausponderation der
Massen. Und für das Harmonische der Stursa-
schen Entwicklung ist es bezeichnend, wie auf
zusammennehmende, verhüllende Perioden immer
wieder ein Ausbruch ins Massig-Bewegte
folgt, beides im Sinne produktiver Okonomie-
ebenso Ausbalancierungen wie Erweiterungen.
Man erfaßt das Wesen dieses Bildhauers nicht
durch Einfügung in Bichtungen und Gruppen.
Nur aus ihm selbst kann seine Bestimmung für
unsere Zeit herausgelesen werden. Wie ja auch
seine Entwicklung aus akademischer Schulung
des tschechischen Bildhauers Myslbeck sehr
selbständig herauswuchs in diese schöne Naturbestimmtheit
, die sich ganz aus sich heraus in
eine bukolische Klassik läutert. Richtungsein-
flüße streifen nur diese Entwicklung. Zeiteiieb-
nisse bringen in die Entfaltung dieses Urerleb-
nisses einen pathetischen Zug, so im „Verwundeten
", der als Reaktion auf die Kriegserlebnisse
aufzufassen ist. Aber dies Pathetische fügt sich
abschwellend in den lyrischen Gesamtton. Eine
schöne Veranlagung löst sich klingend aus. An
ihrer Grenze steht die Gruppe. Hier erstmalig
spürt man manchmal einige Mühe um die Gestaltung
. Die plastischen Akzente sind zwar
trefflich verteilt, dennoch bleibt meist ein Rest
des Ungelösten, ein Additives stört das reine Ineinander
. Zuviel an ausdrückender Bewegung
bringt so das Ganze in eine leis überreizte
Schwebe. Musikalisches, Grundzug tschechischer
Psyche, gefährdet hier das plastische Ausgewogensein
. Und leise Überreiztheit überzartet
manchmal auch das so fein gegebene Porträt,
in dem die Selbstverständlichkeit des plastischen
Gegenübers noch gereizt wird durch eine dem
Naturmenschen noch fremde Spannung von
Du und Du.

So umreißen sich die Grenzen dieser Begabung
durch jene Triebe, die ihrem klaren Wuchs die
schönsten Kräfte schenkt. Die intensive Vertiefung
des Kreises also ist Stursas Weg. Daß
innerhalb ihrer genug Spannungen treiben, um
extensiver Monumentalisierung entraten zu können
, das haben schönste Werke schon erwiesen.

Dr. Oskar Schürer

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