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Junge hatte er ein Blatt gezeichnet, mit weißer
Kreide auf fchwarzem Grunde, bäuchlings im
\\ aide auf Moos liegend: der verwitterte Baum-
ftumpf wuchs zu Bergen, Gletf ehern, Untiefen,
das Bucheiiblatt zum See, gigantifche Höhen,
zerklüftete Täler waren die Knorpeln und Rille
des moosbewachfenen Stumpfes, — eine erträumte
, einlame Gebirgswelt. - - Jetzt als fertiger
Menlch kam er in die Wirklichkeit der
Berge. Er wehrte lieh gegen ihre Schönheit.
Er fand es feltfam, wie Natur lieh hinftellen
konnte, um fich aiiftauiien zu lallen. Aber er
erfaßte die Gebirgswelt in ihrer einfamen Größe,
wo lie über die menfchlich begreifliche Schön-
heit hinauswächft. Der jugendliche Traum wurde
reif. Er begann zu zeichnen. Dies aber ift das
Seltfame: von vorneherein eine Konzeption, die
nur in der Radierung ihre Erfüllung kannte,
trotzdem er bisher niemals radiert hatte. Aber
mit der ihm eigenen VerbifTenheit inTechnilches
arbeitete er (ich in die Kunft der Radierung
hinein. Er verlchmähte Valeurs, Aquatinta, rein
der Nadelftrich follte wirken, die Einreibung,
das W ifchen der Platte das Malerifche bringen;
natürlich war am Ende Schaber und Polierftahl
nicht ganz zu entbehren. Ei' wurde mit aller
Feinheit und Schwierigkeit der Radiertechnik
Co vertraut, daß es kaum glaubhaft ericheint,
dies feien feine erften Radierungen. Wir haben
unter unleren modernen Künftlern leider nur
wenige, die überhaupt zu radieren verliehen.
W as uns die jüngfte Kunft an Radierungen
vorzuzeigen wagt, ift meift alles andere als Radierung
. Es find vielfach nur Zeichnungen, die
auf der Platte von einer aller Technik baren
Hand ausgeführt sind. Dielen allen gegenüber
zeigt lieh Rodewald als Radierer, der aus
der Kupferplatte alle ihr eigentümlichen Reize
herauszuholen vermag, der radiert, weil er für
die Radierung gedacht hat, weil nur durch die
Radierung feine Konzeption ihre adäquate Form
erhalten konnte. Die Sicherheit, die uns als Folge
diefer fouveränenBeherrfchungdes Technilchen
erfüllt, ift ein wichtiges Moment in der Betrachtung
der Rodewaldfchen Blätter. Rein die Lei-
ftung ift ungeheuerlich. Die peinlichfte Detailausführung
größter Flächen überrafcht bei einem
heutigen Radierer. Jede Senkung, jede Hebung,
jede Spiegelung ift bis in den feinften Strich der
Nadel deutlich und benimmt. Man kann die
Blätter dicht vors Auge halten, unter die Eupe
nehmen, jede Einzelheit hält ftand und wirkt.
Aber dies alles trifft noch nicht die eigentliche
Kunft der Rodewaldfchen Radierungen. Sie find
nicht nur techiiiiche Meifterltücke, ihre fublime
Technik ift nur Mittel zum Auf bau eines gran-
diofen Gebäudes. Wenn nicht das Wort „vifio-
när" durch untere Eiterasten fo ekelhaft abge-
brauchl wäre, für die Y\ irkung diefer Radierungen
möchte man das Wort gebrauchen. Es
find gigantifche Vifionen von Bergen und Wolken
, Bergen, die W olken wurden, Wolken, die
zu Bergen wuchfen. Dazwischen ruhen manchmal
Menfchen, ruhen Tiere, fie gehen ein in die
Bergmaften, das Geltem lebt von ihnen, wie fie
von den Bergen und Wolken leben. Nichts ge-
feineht auf dielen Blättern, alles ruht, aber es
ift die Ruhe wildefter Spannung der Mafien.
Man könnte fchreien vor diefer Ruhe, wie in
der bedrohlichen Stille des fteineriien Dolomitenmeeres
. Gewaltig ift die Kraft und Bewegung
diefer Ruhe. In furchtbaren Windungen, eisklaren
Brüchen, fchneidenden Spitzen fchieben
fich die GebirgsmafTen in die Höhe, in phanta-
ftifchen Fetzen fenken fich W olken in fie ein mid
verwachfen mit ihnen zum erhabenen Bilde der
Kraft und der Herrlichkeit und der Ewigkeit.
Am gewaltigften ericheinen jene Blätter, auf
denen kein lebendes W^efen die Berge und
\ \ (»1 ken in ihrem ftummen, aber tof enden Dafein
behelligt. In dielen Blättern brauft etwas von
Dürers apokalyptifchem Sturm, wie man in anderen
etwas von Hercules Seeghers verbifiener
W7ut, fich in das tote Geftein hineinzuarbeiten,
wiederzuspüren vermag. Aber dies bedeutet
nicht im mindeften etwa Nachahmung oder Anlehnung
an die Alten. Wie Rodewald das tech-
nifche Können diefer Großen befitzt, fo kann
er mit ihnen auch — wir fcheuen uns nicht, dies
auszufprechen — wetteifern in der Größe der
künftlerifchen Ideen und Formungen. Es gibt
in der heutigen Kunft nichts, das fich mit dielen
Radierungen Rodewalds vergleichen ließe, fie
find einzig in ihrem Können und in ihrer Kunft.
Sie find gewaltiger als Worte zu fagen vermögen
— auch wenn man ausführlicher über
die Blätter Iprechen wollte, als hier die Möglichkeit
ift —, aber fie werden für fich felber
Sprechen mit der ganzen Kraft, die aus ihnen
überwältigend hervorbricht. Fritz Herben Lehr
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