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TOURAINER BLÜTENTEPPICH
ENGEL MIT SPRUCHBAND
DIE TOURAINER BLUTENTEPPICHE
Die Bedeutung, die im Süden Europas während
des Mittelalters die monumentale
Wandmalerei hatte, fiel in den nördlichen Ländern
, deren rauheres Klima der Erhaltung von
Fresken nicht günstig war, dem gewirkten Wandteppich
zu. Er schmückte wie jene die kahlen
Wände in Kirchen und Palästen; er wurde durch
den stofflichen Reiz seiner kräftig gefärbten
Woll-, seiner schimmernden Seiden- und Metallfäden
, durch die ornamentale Klarheit seiner
Umrisse, durch die Bestimmtheit der Farbgrenzen
, durch die Ausdruckskraft seiner Linien zu
einem bevorzugten Dekorationsträger.
Wie so oft vererbte auch hier die ältere Gattung
der jüngeren ihre stilistische Eigenart. Die
Mehrzahl der textilen Gemälde der Frühzeit
folgten in ihren gewaltigen, viel figurigen Kompositionen
, in dem bunten Reichtum ihrer gegenständlichen
Motive, in der Art ihrer räumlichen
und perspektivischen Lösungen den Vorbildern
der Wandmalerei. Architektonischen
Gesetzmäßigkeiten entsprangen die Kompositionen
der mächtigen Wandteppichzyklen aus
den Werkstätten vonTournai und Brüssel. Und
wo nicht der Stil der Wandgemälde den Aufbau
bestimmte, dort wurden—im wesentlichen
ist das letzte Viertel des 15. Jahrhunderts dieser
Entwicklung gewidmet — die Kompositionsgesetze
der Tafelmalerei in die Wirkkunst übernommen
. Alle Bildakzente wurden wie auf der
gemalten Tafel zu einer wohlabgewogenen einheitlichen
Gruppierung zusammengeschlossen.
Plastische und räumliche Probleme drangen in
das Gesichtsfeld der Bildwirkerschulen und die
Wiedergabe eines Naturausschnittes in seiner
sachlichen Wirklichkeit wurde Aufgabe und
Ziel auch des Teppichbildes.
Neben diesen Hauptrichtungen der Teppichkunst
im 15. Jahrhundert lief eine andere, die
das Problem der Raumausschmückung nicht im
Sinn von räumlich gesehenen, dreidimensionalen
Darstellungen wie die Wandmalerei, nicht in
einheitlicher Geschlossenheit wie die gemalte
Tafel, sondern im Sinn einer rein tapeten-
mäßigen Flächendekoration löste. „Verdüren"
nannte man schon im i4. Jahrhundert derartige
Wirkereien, unter denen die Tourainer Blülen-
teppiche, die ihrer Mehrzahl nach schon der
Wende des 15. Jahrhunderts angehören, sich
durch technische und stilistische Gemeinsamkeiten
zu einer Sondergruppe zusammenschließen.
An den Ufern der Loire ist die Heimat der
Die Kunst für Alle. XXXX, 9. —
Juni 1925
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