Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 51. Band.1925
Seite: 266
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0326
Unter seinen Mitschülern waren Fernand
Khnopff, Chaiiet, Dnyck. V011 seinen Lehrern
gewinnt nur Portaeis Bedeutung. Nur gegen
dessen Lehren sträubt sich der junge Maler
nicht. Die andern sahen in der Natur nur immer
das, was er nicht mehr in ihr sehen wollte. Sie
waren brave Folger verbrauchter Methoden und
Prinzipien.

Mächtig ist das Gefühl Ensors gegen allen toten
Traditionalismus, gegen das tote Auge und Lehrschema
der alten Lehrer; aber er bäumt sieb
offenbar noch nicht als Maler gegen sie auf, er
fühlt wohl, daß ihm hierzu noch das Können
fehle, aber schon jetzt wird er zum satirischen
Zeichner und Schriftsteller.
Seinen Monolog „Drei Wochen auf der Akademie
" sollten alle Künstlerlehrer einmal lesen
— er wird von Le Roy abgedruckt—, er ist voll
Ironie und tieferer Bedeutung. Der Spott über
die diametral entgegengesetzten Lehren der
Maler wird leider nicht so leicht veralten. Ensor
hat jedenfalls unter den Ungerechtigkeiten und
dem mangelnden Verständnis für seine originale
Art der malerischen Auffassung schon damals
eine unvergeßliebe Leidenszeit durchgemacht.
Er malt jetzt schon anders, er taucht alle Figuren
in ein silbernes Licht — alle akademische
Zeichnung wird von der Farbe aufgesogen. Das
Ganze ist ihm wichtiger als die Teile, keine Bewegung
seiner Gestalten ist irgendwie konventionell
, — 1880 geht er trotz seiner Verehrung
für Portaeis nach Ostende zurück. Und dieses
Jahr schon findet er sich ganz als den Maler,
als der er gilt und Geltung behalten wird. Das
erste selbständige Schaffensjahr ist, wie Ver-
haeren richtig erkannt hat, das entscheidende.
In diesem einen Jahre malt er nicht weniger als
30 Bilder. — Groß, blaß, mager, lebt er ein Leben
für sich. Man nennt ihn seiner verhärmten
Erscheinung wegen den Gevatter des Todes. —
Er ist stolz wie ein Spanier, ist phlegmatisch wie
ein Engläuder,geistesabwesend wie ein Träumer.
Als Zweiundzwanzigjähriger malt er das Bildnis
seines Vaters, das nach fast 4o Jahren als
gefeiertes Gemälde der ganzen Epoche ins Museum
von Brüssel einzieht.

Er hat aber damals außergewöhnliches Glück,
ein Glück, über dessen Zustandekommen man
freilich erst einmal orientiert sein möchte, bevor
man von frühem Erkennen eines gewaltigen
Malers reden darf. Zwei jetzt berühmt gewordene
Bilder seiner Hand — „Der bürgerliche
Salon" und „Die Chiuoiserien" werden vom Pariser
Salon aufgenommen, der an die yooo Bilder
zurückgewiesen hat.

Zu bedeuten hat dieser Erfolg kaum etwas —
denn im gleichen Jahre weist der Antwerpener
Salon seine „Austernesserin" zurück. Und nun
erst beginnen die heimlichen und öffentlichen
Angriffe auf den neuen Maler.
Zwei Jahre später schickt ihm der Brüsseler
Salon sogar alles, was er eingesandt, zurück.
Meunier ist der einzige der Jury, der ollen bedauert
, daß er nichts gegen die unverdiente Zurücksetzung
tun konnte.

Aber der junge Künstler läßt sich nicht irre
machen. Obwohl er in der elterlichen Familie
nichts als Zwietracht und Unordnung findet,
bleibt er tapfer und voll freiheitlichen Uberschwangs
. Wenn hier Le Roy bemerkt: solche
Widerstände als ein gutes Mittel der Selbsterziehung
eines Künstlers hinzustellen, sei Unsinn
— so kann ich ihm nicht recht geben. Sie
sind bedauerlich — aber sie bleiben doch ein
Maßstab für das entscheidende Selbstbewußtsein
, die Energie, die Zielsicherheit, die den
Künstler beseelt. In der Tat sind sehr frühe und
sehr glänzende Erfolge viel mehr Künstlern zum
Unglück geworden als Angriffe. Elend und Not
sind an Ensor nie herangetreten, um so intensiver
litt er unter dem Unverständnis der Umgebung
und der meisten, die Bilder von ihm zu
sehen bekamen.

Sein Atelier füllte sich rasch mit zurückgewiesenen
Werken, und wenn auch dadurch die
Schaffenslust gehemmt wurde, so machte üisor
doch damals gerade in der koloristischen \ er-
feinerung größte Fortschritte.
In diesen Jahren kam es zur Gründung der unabhängigen
Künstlergruppe „Les Vingt". Auch
Ensor ist dabei. — i883 findet die erste Ausstellung
der „XX" statt.

Doch auch in dieser fortschrittlichen Gruppe
tritt dem großen Maler eigener Uberzeugung
die Ojiposition entgegen.

Sein „Einzug Christi in Brüssel" hatte unliebsames
Aufsehen erregt; das Ministerium drohte
der Gruppe das Ausstellungslokal, das es ihr
zur Verfügung gestellt hatte, zu entziehen —
doch Toorop und einige andere hielten Ensor
vom Austritt zurück. Aber es ging ihm nicht
besser. Im nächsten Jahre verweigerte ihm die
Jury alles, was er eingesandt. Dieses vergebliche
Bemühen, diese fortgesetzten Angriffe auf den
neuen Künstler dauerten 20 Jahre.
Ensor reist sehr selten. Er war 1892 nur einige

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