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Tage in London gewesen, nur zwei- oder dreimal
in Paris. Im übrigen scheinen ihn nur gelegentlich
die Museen von Amsterdam und
Haarlem gefesselt zu haben. Um so größer wird
er auf seinem engen Landesgebiet Entdecker
immer neuer farbiger Schönheiten des Meeres
und seiner großen Luft zumal. Ob er die Landschaft
seiner Heimat malt oder radiert oder
zeichnet — er gibt das Wunder der Luft, die
alles auflöst, die Wunder aller Farben in einer
Weise wieder, die nun das Staunen aller Kenner
erweckt. Aber der allzu eng behorizonte
geistige Kreis der Ostender Heimat macht ihn
geradezu zu einem Maler der Masken und
Grimassen, wie es vor ihm keiner gewesen.
In diesen malerisch reizvollen, im Ausdruck so
fürchterlichen Masken und Grimassen hat sich
Ensor freigemacht von all der Niedertracht,
Stumpfheit, Dummheit und Gemeinheit, von all
der grauenerregenden Spottsucht aus Unverstand
, die den Maler in all seinen besten Schaffensjahren
in Ostende umgab.
Le Roy spricht hier mit Recht von einem einzigartigen
Werke in der Geschichte der bildenden
Kunst. Die Masken Ensors bilden die Synthese
alles Häßlichen des menschlichen Gesichts,
und nirgends so stark wie in seinen Masken
scheint sich mir die fabelhafte malerische Kunst
Ensors mit seiner unerhört scharfen, fast spitzigen
Art der Persiflierung zu verbinden.
Bei größerem Wechsel der Umgebung läßt sich
denken, daß der Künstler nicht so unter dem
stereotypen Eindruck des Stumpfsinns der wahrhaftigen
„Masken" seiner engeren Landsleute
gelitten hätte — aber die Gabe, die er daraus
künstlerisch gehoben, war doch die furchtbare
Einsamkeit eines großen Sehers unter neidzerfressenen
kleinen Spießbürgern und Kollegen
wert.
Auf der Brüsseler Ausstellung, die 1896 veranstaltet
wurde und mit der die Epoche des Erfolges
Ensors beginnt, kaufte der Staat den
„Lampenputzer", das Bild, das 15 Jahre früher
schon gemalt war und das nicht gerade die
stärksten Eigenschaften der Malerei Ensors verkörpert
. — Als aber die Stadt Lüttich die
„Austernesserin" erwerben wollte und das Bild
bereits im Museum aufgehängt worden war,
protestierte ein weiser Magistrat gegen den An-
ka 111 mit Erfolg, weil das kein Gegenstand sei,
vom Volke betrachtet zu werden.
Auch große Ausstellungen einzelner Künstler
linden nie das ganze Publikum, das sie verdienen
mögen. Ein W^erk über den Kunstler, das
gleichzeitig bildhaften Einblick in seine ganze
Schaffens- und Auffassungswelt gewährt, er-
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