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ANDERS ZORN ALS RADIERER
Der Name Anders Zorn weckt die Vorstellung
von sehr wirksamen Radierungen,
breite, in verschiedenen Richtungen heruntergefegte
Strichlagen ergeben ein einprägsames
ßild, von Porträts mit starker Helldunkel Wirkung
und von vielen Mädchen- oder Frauenakten
, die Porträts zu sein scheinen. Zorn ist
ein Name von internationaler Betonung wie etwa
Rops oder Herkomer, er ist wie diese der Stolz
der Auktionskataloge und der Graphiksammler.
Diese ein wenig primitiven Vorstellungen kann
man erweitern in dem eben neu aufgelegten
Band „Anders Zorn" der Sammlung „Graphische
Bücher", die Ernst Arnold in Dresden
herausgibt*). Das Buch ist sehr schön gedruckt
und gibt in seinen hundert Reproduktionen nach
Radierungen Zorns eine erschöpfende Darstellung
seiner Kunst.
Zorn ist kein Problem, um das man ringen
mußte. Er ist eine von den glücklichen Naturen,
die etwas machen, das überall einleuchtet, die
fröhlich und unbekümmert ihr Talent nützen.
Dieses erscheint wie eine reine Naturgabe, etwa
wie die besonderen Stimmbänder eines Tenors,
und für nichts ist das Publikum so dankbar wie
für diese Art von Veranlagung, die gibt, ohne
zu verlangen. Typisch für sie ist das Fehlen
einer eigentlichen Entwicklung. Die Leistung
ist nicht so wie bei den großen Meistern ein fortlaufendes
Bild des Lebens, vom Uberschwang
und der Problematik der Jugend bis zur Weisheit
und Tiefe des Alters, sie ist nach den ersten
Versuchen da, bleibt konstant und verflacht eher,
als daß sie sich steigert.
Zorn hat wie wenige das Gesicht seiner Zeit,
so sehr, daß wir vor seinen Blättern heute schon
das Gefühl haben, sie sind von gestern, aus der
Zeit, in der der geformte Naturbegriff der Klassi-
zisten mit dem ungeformten der photographischen
Kamera stritt. Nur ein kleiner Kreis von
Künstlern hat ihn ernsthaft durchgefochten, die
Impressionisten; Zorn blieb neutral, er hat sich
*) Anders Zorn als Radierer. Herausgegeben von Axel Romdahl
. Mit 100 Abbildungen. 2. Auflage. Dresden: Ernst Arnold.
aus jedem Lager geholt, was er brauchen konnte.
Der Stil seiner Frühzeit liegt etwa zwischen
Helleu und Herkomer. Die offene Strichführung
, die aus parallel gerichteten langen Strichen
gebildete Modellierung verbindet ihn mit
Helleu, mit Herkomer die bildmäßige Auffassung
seiner Graphik und deren toniger Aufbau.
An Rembrandtschen Porträts hat er sich dann
so erzogen, daß aus dem malerischen Bildstil
ein wirklich graphischer Stil sich entwickelte.
Rembrandts Bildnisstil unterscheidet sich von
dem Dürers dadurch, daß die Modellierung nicht
überall gleichmäßig durchgeführt ist, die Form
ist im Licht offen, im Schatten erst erhält sie
ihre volle räumliche Durchbildung, und diese
Schatten sind in die Dunkelheiten der Umgebung
mit breiten Strichen, die wie Lasuren wirken
, so eingebaut, daß eine einheitliche Licht-
und Schattenbahn entsteht. Zorn hat aus diesem
Nebeneinander von ausgespartem Licht und
farbig differenzierten Schatten, aus diesen Lasuren
Rembrandts, seinen Stil gewonnen. Das
Aquarell stand Pate. Die Dunkelheiten sind
durch sehr bewußten Wechsel in der Nadelführung
reich gemacht. In der Charakteristik
seiner Köpfe versteht er mit ganz wenigen treffenden
Strichen auszukommen. Das Selbstbildnis
, eines der glänzendsten Blätter Zorns, ist
ein schönes, sprechendes Beispiel dafür, wie der
Wechsel in der Nadelführung allein schon Tonwerte
ergibt. Es ist schön, wie aus den malerisch
bewegten Dunkelheiten der Kopf und der
Rock farbig nach vorne kommt, wie die Valeurs
von Rock, Palette und Fußboden mit den Mitteln
der Radierung gegeben sind. Der auf die
Palette geworfene Schatten, ferner, wie diese
selbst mit großen Strichen mit dem Hintergrund
verbunden und in der zweiten Hälfte gegen ihn
abgesetzt, ist, das gibt einen reichen Klang von
Farben. Es ist ein mehr malerisch als zeichnerisch
bestimmter Stil. Ein Zeugnis dafür ist
auch die Art, wie Zorn seine Blätter drucken
läßt, er nimmt den einzelnen Strichen ihr Sonderdasein
und zieht sie zu Tönen zusammen.
Wenn die Platte mit Druckerschwärze eingerie-
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