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Die Augenkultur mag Fremde beglücken: wir
suchen bei unseren Künstlern immer noch etwas
anderes.
In Kalckreuths Bildern und Radierungen lebt
die SeeJe und das Schicksal des deutschen Bauern
in landschaftlicher Besonderheit. In Schlesien
hat er sie erlebt, ehe er in das Lüneburger
Heideland zog. In Schlesien hielten ihn verwandtschaftliche
Bande dem Haus der Yorks
nahe. Nicht nur die Herrenhäuser der Güter, auch
die Bevölkerung und die Scholle bedeuten ihm
eingeatmete und gestaltete Heimatluft. Ich liebe
ein kleines Bild dieses Kreises besonders. Als
der Schwiegervater Witwer wurde, pflegte der
Maler durch Monate des öfteren abends auf das
ein paar Stunden entfernte Gut zu fahren, um
dem einsamen Herrn Skatgenosse zu sein. Man
sieht den mit zwei Pferden bespannten Viktoriawagen
in die dunkelnde Schneelandschaft hineintauchen
. Die Wagenlaterne wirft ein glühendes
Licht in das blauende Weiß. Die schnelle Bewegung
des Wagens wird ertäuscht, indem die
schnaubenden Pferde übermäßig klein und fast
verschwindend gegeben sind. Im Grund des Wagens
sitzt, vom Rücken gesehen, der Maler selber
im Wintermantel, breitschulterig; die Hünengestalt
auch ohne das Gesicht von größter Ähnlichkeit
. Die Stimmung dieser wie in das Unendliche
hineinfahrenden Equipage ist von der
besondersten, mit Worten nicht ausdrückbaren
Art.
Einmal fand der Präsident des Künstlerbundes
auch in der großen Diplomatie Verwendung.
Es war 1912, als die Hundertjahrfeier der Konvention
von Tauroggen kam, durch die der General
Graf York von Wartenburg, seinen Kopf aufs
Spiel setzend, sich und sein preußisches Korps
von Napoleon löste und den Russen zuführte.
Die preußische Regierung ließ das von einem
Berliner „Träteur" gelieferte Festessen in einem
Sonderzug nach Tauroggen bringen. Für die
Yorks repräsentierte Graf Kalckreuth, für die
Russen General Rennenkampf, der spätere Führer
gegen Ostpreußen ic)i4. Die Begegnung
von 1912 war bloß korrekt, bereits eiskalt; so
berichtete nachher der Graf. Die große Weltbühne
fesselte den Maler nicht. In seinem umfassenden
Bildniswerk sind wohl auch einzelne
Figuren wie die berühmten Zeitgenossen Len-
bachs, der in Kalckreuths Schülerjahren eine
Weile Berater mid Förderer dieses so ganz und
gar unähnlichen Jüngers gewesen war. Dasind also
die Bildnisse von Lichtwark und Erich Mareks,
vom Grafen York, Alexander Schnütgen, Präsident
Havenstein und Albrecht Hänel. Kalckreuth
war aber für die „vornehme" Welt zu herb
und aufrichtig. Es lag darin etwas dem Genius
des Velazquez Verwandtes, der ihn ja auch zu
einer seiner umfangreichsten Leistungen, der
großen Infantin (in der Sammlung Flersheim
in Frankfurt) inspiriert hat. Merkwürdig, wie
das Herz und die Malerei dieses Aristokraten
mit der wahrhaft erdrückenden Wucht riesengroßer
körperlicher Erscheinung den Mühseligen
und Beladenen und dem unbelasteten Wesen
der Kinder zugewandt war. Zu den bleibenden
Zeugnissen seiner Kunst werden doch die alten
Bauernfrauen gehören, deren Runzeln und gekrümmte
Rücken ein Schicksal künden, und die
harmlosen Kleinen, die von der Milchtasse ins
Ferne sehen oder die noch ungeschickten Hände
mit einer Handarbeit mühen. Der Siebzigjährige
mag sich eines Stückes Dauerwirkung seiner
Werke getrösten; denn ihm war gegönnt, in dem
Ständischen das Menschliche zu gestalten, und
auch im Unfigürlichen den Herzschlag der Dinge
zu erspüren.
Prof. Carl Neumann-Heidelberg
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