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ZU SCHNORRS „BLICK AUF SALZBURG
Der siebzehnjährige Julius Schnorr von Ca-
rolsfeld verließ im Jahre 1811 sein Vaterhaus
in Leipzig und ging nach Wien, wo ihm
zwei Brüder lebten, die, wie er, sich der bildenden
Kunst beflissen. Julius Schnorr hatte ihnen geschrieben
: „Meine Prinzipia sind: ein guter
Künstler oder gar keiner; niemand lästig zu
fallen und bald nach Italien zu gehen." Das
Letztere mußte ihm noch lange Zeit ein frommer
Wunsch bleiben. Der Zusammenbruch
der napoleonischen Macht und die dadurch veranlaßt
e Umwälzung im europäischen Staatensystem
banden Julius Schnorr an Wien, wo er
sechs Jahre lang verblieb. Franz Schnorr von
Carolsfeld, der die italienischen Briefe des Julius
Schnorr herausgab, weiß von der Zeit, die dem
Antritt der italienischen Reise Schnorrs —
6. November 1817 — unmittelbar vorausging,
folgendes zu berichten: „Eine Zeit lang erfreute
ihn die Hervorbringung schwächlicher Schäfer-
bildchen; doch er überwand diese Neigung und
schritt bald zu männlich ernsten, den tieferen
geistigen Inhalt der Kunst erfassenden Anschauungen
. Es entstanden Arbeiten, in denen innerlich
Erlebtes, langsam Erworbenes Gestaltung
gewann." Sowohl Franz Schnorr als Julius
Schnorr selbst in seinem 1855 niedergeschriebenen
„Bericht über mein Leben" bezeichnen
als wertvollstes Bild der voritalienischen Zeit
die „Wallfahrt", auch „Almosenverteilung des
III. Rochus" genannt, das Weigel in Leipzig
kaufte und dem Leipziger Museum als Schenkung
überwies. Das Bild wurde in den Monaten
September und Oktober des Jahres 1817
ausgeführt, nachdem im Sommer vorher Schnorr
sein Vaterhaus in Leipzig wieder aufgesucht
und auf dem Rückwege sich längere Zeit in
Berchtesgaden und Salzburg aufgehalten hatte.
Franz Schnorr meint, daß trotz des einige Jahre
zu rückliegenden Entwurfes zum almosenverteilenden
Rochus die „Grundstimmung" des
Bildes der Salzburg-Berchtesgadener Reise verdankt
werde, die den Künstler erfrischte und
anregte.
Von dieser Reise, dem entscheidenden letzten
Erlebnis Julius Schnorrs vor seinem Eintritt in
den römischen Kunstkreis, besitzt man ein ungemein
ansprechendes Dokument in der Landschaft
„Blick auf Salzburg", das der Dresdener
Galerie gehört. Es ist ein Werk, das seine feste
Bedeutung in der Geschichte der deutschen
Landschaftsmalerei besitzt. Mit der Kunst der
Münchner Vedutenmaler dieses Zeitraums hat
es so gut wie nichts zu tun. Aber auch mit der
W iener Landschaftsmalerei der Zeit verknüpfen
es keine Bande. Man kann nur an Ferdinand
Olivier denken, in dessen Haus und Gesellschaft
in Wien Julius Schnorr viel verkehrte und
dessen Vorbild auf ihn wirkte, besonders aber
an J. A. Koch, den Rom-Tiroler, der damals
vorübergehend in Wien lebte und mit dem
Schnorr durch Olivier bekannt geworden war.
Dies würde bedeuten, daß in dem Bild irgend
etwas von der Italiensehnsucht steckt, die in
Schnorr durch die Landschaft skunst Kochs neu
entfacht wurde. Es ist also Italien „ab invisis"
in dem Bildchen, das Verlangen nach dem heiligen
Blau, das Sehnen über die Berge hinweg,
das Eilen auf Straßen, die in die Ferne ziehen,
und zugleich jener Geist einer echten Künstlerkameradschaft
, der damals die Deutsch-Römer
umschlang und der irgendwie in der Gruppe
der vier Männer, die in die Landschaft hineinblicken
, sich kundtut. Es steckt ungewöhnlich
viel Menschliches in dem Bild, es ist nicht Vedute
, und daß man die bekannte Silhouette der
Salzburger Berge, daß man das Band der Salzach
und das stolz aufsteigende Hohensalzburg sieht,
mutet nur wie eine Konzession, wie eine
„Rückendeckung" an. Unwillkürlich geht
einem vor dem herzlichen Bildchen durch den
Sinn, was in eben dieser Zeit Rochlitz an Julius
Schnorr schrieb: „Sie sind ein wahrhaft edler
Mensch und ein wahrhaft edler Maler; Gott hat
viel Ihnen anvertraut: in Ihre Hand ist's gelegt,
seine Gnade auch vor der Welt zu rechtfertigen.
Sie können es, Sie werden es; aber nur dadurch,
daß Mensch und Künstler innigst vereint auf
der rechten Bahn fortwandeln. Bei jedem, aber
bei Ihnen ganz besonders, würde der eine, über
dem andern gestört und hintangesetzt, ganz gewiß
zugleich den andern herabziehen." w„
Die Kunst für Alle. XXXX, 10. —
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