http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0354
CANALETTO
WIEN VOM BELVEDERE GESEHEN (AUSSCHNITT)
ALT-WIEN IM BILDE
Theodor Fontane sagt einmal, daß es nicht
der schlimmste Eingriff für den alten Platz
sei, wenn die ursprünglichen Häuser eingerissen
und durch neue ersetzt würden; solange die
Proportion unverändert bliebe und die Führung
der Straßen, sei auch der alte Platz noch erhalten
. Dasselbe, was hier an dem Platz beobachtet
wurde, gilt auch von der alten Stadt.
Darum ist Wien Wien geblieben, wenn auch
das 19. Jahrhundert, das Großstadtjahrhundert,
in seinem anspruchsvollen Machtgefühl durch
die enge Altstadt stürmte und den Gürtel der
Vorstädte erst einmal und dann noch ein zweitesmal
an sich riß. Wien ist Wien geblieben,
denn noch immer steht der Stejahansdom im
Zentrum der Stadt und grüßt hinüber zu dem
Kranz von fürstlichen Gärten, die auf dem
leicht gehobenen Gelände der rahmenden Vorstädte
liegen, noch immer schiebt sich die
Menge durch dieselben breiten Straßenzüge, die
Kärntnerstraße,die Herrengasse, dieRotenturm-
straße, die Wollzeile, nach den vier Himmelsrichtungen
, fließt zu und ab durch das gleiche
Gerinnsel der Nebengassen und wird an dem
Donauarm, wenn er auch zum harmlosen Kanal
reguliert wurde, auf den Brücken ins schmale
Geäder geschlossen. Und der wesentlichste Eingriff
des Jahrhunderts, die Umgestaltung der
Glacis, die die innere Stadt umgaben und sie
von den Vorstädten schieden, die Umgestaltung
zur Ringstraße, hat wohl für das Auge eine
neue Kulisse aufgezogen, aber im Grunde genommen
an der, wenn man so sagen kann, ethischen
Funktion dieses Stadtteiles nichts verändert
. Die Glacis hatten ja längst ihre fortifika-
torische Bedeutung verloren, boten nur Raum
für Rasenfläche und Gärten, wo die in der Enge
der Stadt bedrückten Lungen aufatmen, der im
Dämmer der Gassen ermüdete Blick weit ausschauen
konnte. Durch diese gepflegte oder
nur als „Gstätten" dem freien Wachsen, Blühen
und auch Verstauben, Verwildern überlassene
Natur zogen sich die ehrwürdigen Landstraßen
noch aus der Römerzeit her und die abkürzenden
Steige, wie sie Gewohnheit und Erfahrung
im Lauf der Jahrhunderte ausgetreten hatten,
hinaus in die geräumigen Vorstädte. Die malerische
Zufälligkeit, die hier einem straffen architektonischen
Willen weichen sollte, hatte gewichtige
Fürsprecher gefunden. So schickte sich z.B.
(1859) aucn der Maler Friedrich von Ameiiing
an, beim Kaiser in einer Audienz für die Glacis
einzutreten: „Eure Majestät! Ich bin gekommen
, die Glacien zu retten. Wir haben ja alles
verloren: den Brigitten-Kirchtag, die Bürger-
wehr beim Fronleichnamsumgang, die Basteien.
Wenn schon etwas geschehen sollte, so wären
zwei Bassins anzulegen, im Sommer mit Kähnen
darauf zu fahren, im Winter zum Eislaufen.
Da sammeln sich Gruppen, kommen Verkäufer,
das gäbe scheine Bilder. Möchten sich Eure
Majestät nur selbst davon überzeugen . . . ."
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