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JOSEPH SCHAFFER ■ DIE JOSEPHSRUHE (KUPFERSTICH)
Nun, die Ringstraße ist trotz ihrer zwei schmalen
und der mittleren breiten Fahrbahnen, trotz
ihrer zwei Trottoirs, Reitallee und Promenade,
trotz ihrer imponierenden Siebenteilung der
alte, beschauliche Spaziergang geblieben und hat
den Riesenverkehr, für den sie damals doch aufgerichtet
wurde, nicht an sich ziehen können.
Wenn man von den neu entstandenen Fabriksbezirken
im Osten und Nordosten der Stadt jenseits
der großen Donau absieht, könnte man
auch sagen, daß die Stadt nicht einmal wesentlich
an Areal im Lauf des Jahrhunderts gewonnen
hätte; es sind eben nur die umliegenden
Ortschaften, die immer schon auf den Stadtkern
orientiert gewesen waren, mit diesem zu einer
Verwaltungseinheit verwachsen. Die innere
Stadt hatte schon im fünfzehnten Jahrhundert
ihre jetzige Größe und Gestalt erreicht: ,,... Die
Ringmauer der Stadt beträgt 2000 Schritte.....
Der Graben der Stadt ist breit, der Wall sehr
hoch, die Mauern dick und erhaben, mit häufigen
Türmen und Bollwerken, zur Verteidigung
trefflich —" schildert sie Enea Silvio Picco-
lomini (später Papst Pius II.) April 1438 in einem
Brief an einen Freund in Basel. Der Mauergürtel
ließ sie nicht weiterwachsen, jeder Fleck innerhalb
der Umfassung mußte ausgenützt werden.
Die Häuser wuchsen darum in die Höhe und
wuchsen in die Tiefe. „Die Keller sind so tief und
so weit, daß das allgemeine Sprichwort gilt, es
gebe ein oberirdisches und ein unterirdisches
Wien" (Eneas Sylvius in derselben Stadtbeschreibung
) —, die Fronten traten ganz nahe
aneinander und die wenigen Plätze, die frei
bleiben durften, wirken wie Höfe oder abgeschnürte
Straßen. „. . . Die ganze Gassen ist
boeen wie ein Grassichel und die Häuser sind
so hoch, daß man einen Kropf kriegt, wenn einer
hinaufschaut" (Briefe eines Eipeldauers 1785).
Schon in Josefinischer Zeit wurde eine sogenannte
Verschönerungskommission eingesetzt,
die hier ein wenig Luft schaffen sollte. Wesentliche
Eingriffe geschahen aber doch erst im
Lauf des vergangenen Jahrhunderts. Der Stephansdom
wurde freigelegt, der Häuserblock,
der die Peterskirche vom Graben abtrennte,
fortgerissen. Aber diese Bestrebungen, die den
bedeutsamsten und künstlerisch eindrucksvollen
Bauten volle Auswirkung in ihrer eigenen Atmosphäre
schaffen wollten, hatten den Takt,
vor den für die Altstadt charakteristischen
Fassaden innezuhalten. Die zart modulierten
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