http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0364
TINA BLAU
FRÜHLING IM PRATER
Mit Genehmigung des Verlages A. Schroll & Co. in Wien
vergangenen Zeit, sind reinere Geschöpfe aus
Gottes Hand als die von Menschen hingestellten,
mit Menschenschicksal belasteten steinernen
Gebilde der Stadt.
In der Nähe sieht man die Falten scharf und
die Runzeln sieht man und die Schminke sieht
man, die Jugend vortäuschen möchte. Aus der
Ferne wird der Blick gütig. Vom Leopoldsberg
oben auf die Stadt hinunter wird der Blick
gütig. Hier steht auf der Höhe die zweitürmige,
grün-kuppelige Kirche, fast Kapelle nur, die
der Theateringenieur Antonio Maria Beduzzi
in kaiserlichen Diensten 1719 hier an Stelle der
von den Türken zerstörten wieder aufgebaut
hatte. Ein schlichtes Wahrzeichen, das weit ins
L<and hinaus bis zum stolzen Klosterneuburger
o
Stift winkt und zur Stadt hinunter, wo den
grauen Häuserkreis der Stephansturai hoch
überragt
Wir sind heraufgekommen. Der Weg ist nicht
weit, man wird nicht müde. Der Weg ist weit,
wir wissen nicht mehr, daß die gedränglen
Mauern uns umschlossen hielten, das hochaufwogende
Häusermeer. Von hier aus nur eine
Handvoll Steine, nur eine Erinnerung an Druck
und Plage, die sich, ein Wölkchen, aullöst in
den zarten, dünneren Hauch der blauen Luft.
Die Zeit bleibt stehen.
Die Worte, die ich hier zu den Bildern aus
Alt-Wien niederschrieb, w ollen weder schildern
noch erklären; nur den wehmütigen Zauber
fassen, der uns, traurige Erben, vor diesem
Spiegel einer stolzeren Vergangenheit umfängt.
Umfassendere Zeugnisse dieser Vergangenheit
wurden in zwei Bücher gesammelt, die im
Winter 1923 und 1924 erschienen sind. „Alt-
Wien in Wort und Bild" und „Das vormärzliche
Wien in Wort und Bild", beide herausgegeben
von Hans Tietze (Kunstverlag Anton
Schroll in Wien); diese Bücher wollen nicht
eine Geschichte der Stadt und ihrer Kunst
geben, sondern nur Dokumente bringen, die
ihre geistige und ihre äußere Erscheinung vor
dem Leser und Beschauer auferstehen lassen.
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