http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0365
F. G. WALDMÜLLER MÖDLING BEI WIEN
Mit Genehmigung des Verlages A. Schroll & Co. in Wien
Der eine Band beginnt mit dem 15. Jahrhundert
, das die ersten literarisch und künstlerisch
greifbaren Mitteilungen über dieses Stadtbildnis
enthält, und schließt mit dem Ende des 18. Jahrhunderts
. Der zweite beginnt mit dem 1 g. Jahrhundert
, und sein dichtes Gewebe von Text und
Bild umfaßt die ganze erste Jahrhunderthälfte.
Die Dokumente des Textes sind der zeitgenössischen
Literatur entnommen; Dichtungen,
Briefen, Tagebüchern, den Eindrücken von
Fremden, Beschreibungen von Festen usf.; die
Abbildungen (230 im ersten und 248 im zwei-
tenBuch)derzeitgenössischeiiKunst, angefangen
von der gemalten Hintergrundlandschaft eines
Andachtsbildes um 1470 bis zu den lithographischen
Karikaturen der Tageszeitungen von
i848. Der Eindruck, den diese nur zufällig erscheinende
und doch auf das Charakteristische
ausgehende Auswahl zurückläßt, ist der eines
einzigartigen Stadtwesens, das noch heule den
Fremden besticht, den, der freiwillig hier leben
bleibt, angenehm einlullt, den, der notgedrungen
bleiben muß — entwaffnet. Selbstverliebtheit
und ein starres Festhalten an der Tradition bei
der Masse mit allen seinen traurigen Folgen;
erschütternde Selbstbesinnung bei den wenigen
, die gegen diese Masse auftreten. Jene traurigen
Folgen aber werden durch den Humor
begütigt — und die höchste Kraft entfaltung der
Besten durch die Skepsis gehemmt. Humor
und Skepsis sind eins.
Die Grabschrift des Wiener Dichters Sauter
(um 1848), die er sich selbst ersonnen hat, kann
auch als die Grabschrift seiner Stadt, als die
Grabschrift Alt-Wiens gelten:
Viel genossen, viel gelitten,
Und das Glück lag in der Mitten.
Viel empfunden, nichts erworben,
Froh gelebt und leicht gestorben.
E. Tietze-Conrat
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