http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_51_1925/0416
KARL HAIDER
SALZBURGISCHE LANDSCHAFT
Glaspalast München. Neue Secession
HAIDER- GEDÄCHTNISAUSSTELLUNG
Die Münchner Neue Secession machte es in diesem
Jahre mit der Uberschau über ihre Graphik
kurz und reservierte die besten Räume für
eine Ausstellung von Gemälden und Zeichnungen
Karl Haiders (i846—1912). Die Leitung
der Neuen Secession gab ihrer Meinung dahin
Ausdruck, es sei Pflicht einer ernsthaften Künstlergruppe
, einen so bedeutenden, dabei so
schlecht gekannten Künstler wie Haider in seine
wohlverdienten Rechte einzusetzen. Dies solle
und vermöge die Ausstellung. Es war dabei aber
doch ein tieferer Grund wirksam. Irgendwie
verspürt man, daß der Lauf der Kunst sich Persönlichkeiten
wie der Haiders und Schöpfungen
wie seinem Werke wieder zuwenden muß, daß
es also nicht historische, sondern höchst aktuelle
Momente sind, die seine Schilderhebung seitens
der fortschrittlichsten Künstlergruppe verständlich
machen. Aber auch von solchen kunstpolitischen
Momenten abgesehen, gab die Haider-
Ausstellung einen nachhaltigen Eindruck. Haider
ist ein überaus wertvoller Künstler und wird
für die Zukunft im großen Ganzen der neueren
deutschen Kunstgeschichte einen viel exponierteren
Platz einnehmen, als man ihm heute anweist
. Schon in jungen Jahren schwenkte Haider
vom Impressionism us der Münchner Richtun gab
und stellte seine Form und seinen Ausdruck ins
Expressive um. Seine Landschaften „strömen
Erdgeruch aus", hat Böcklin einmal vor Haiders
Naturgedichten gesagt, und in Hinblick auf seine
Figurenbilder ländlichen Stoffes hat ihn Bayersdorf
er den „Bauern-Giorgione" genannt. Beides
stimmt, aber beides erschöpft ihn nicht, denn
seine Gebundenheit, die Gebundenheit an die
Scholle, an die Heimat, ist nur das Augenfällige.
Haider war darüber hinaus als Künstler ein Gestalter
aus kosmischem Gefühl, eine Art künstlerischer
Pantheist, ein Weiser undDeuter von Geheimnissen
und Stimmungen einer nahen Umwelt
, die aber ihreFäden zurUnendlichkeit spannt.
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