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JOSEF HEGENBARTH
AUS DER „ODYSSEE"
biete, der radierten Illustration. Was ist Illustration
? Der bekannte englische Radierer Josef
Penneil sagt in seinem Buche über die moderne
Illustration (1895) u. a.: „Illustration ist die direkte
künstlerische Interpretation einer geschriebenen
Schilderung oder die Aufzeichnung eines geschichtlichen
Ereignisses; oder sie ist eine Komposition
, zu welcher der Künstler durch irgend
einen Vorgang in der Natur angeregt wurde,
oder durch seine Eindrücke von irgend einem
Vorgang, eine Erscheinung in der Natur oder
im Leben."
Das trifft im allgemeinen auf Josef Hegenbarth
zu. Gleich Goya und Max Klinger hat er seine
Eindrücke von Dichtungen oder aus der Natur
in ganzen Folgen dargestellt, seine Illustrationen
in Mappen zusammengefaßt. Mehr als ein
Dutzend liegen entweder fertig vor oder sind
im Entstehen begriffen. Es sind — soweit die
Radierung in Frage kommt, die folgenden:
1920 Nibelungenlied (23 Blatt), 1921 Salambo
(19 Blatt), 1922 Münchhausens Abenteuer
(i4 Blatt), 1922/53 Julius Cäsar (15 Blatt),
1923 Macbeth (17 Blatt), Vasantasena (17 Blatt),
1923/24 Stimmen der Völker inLiedern(25Blatt),
1924 Parvonte oder die Wünsche von Wieland
(16 Blatt), Goethes Balladen (30 Blatt), Nero.
Vorher hat er schon Strindberg-Phautasien radiert
, Lenaus Faust in Lithographien, Long-
fellows Epos Hiawatha in Zeichnungen, Wielands
Wintermärchen in Federzeichnungen illustriert
. Andere Folgen, wie die Feldzüge Alexanders
, Dresdner Vogelwiese, Großstadt liegen
in Aquarell vor.
Der gewöhnliche Begriff des Wertes Illustration
trifft bei Hegenbarth nicht zu. Man denkt
dabei gemeinhin an eine mehr oder minder
sklavische Abhängigkeit des Bildes von dem geschriebenen
Worte. Die findet man bei Hegenbarth
nicht. Da ist nichts von ängstlichem Anklammern
an die Sätze und Verse des Dichters,
nichts von peinlicher Wiedergabe der Einzelheiten
, die in der Dichtung beschrieben werden.
Hegenbarth denkt auch nicht daran, Kostüm,
Bewaffnung, Geräte archäologisch genau durchzubilden
, wie es etwa Alma Tadema und Adolf
Menzel taten, sowie etwa den Schauplatz einer
Handlung sorgsam studiert vorzuführen. Was
ihn packt, ist nur die Handlung selbst, sozusagen
die Seele des Vorgangs. Nur diesen Kern
schält er heraus. Nur der Mensch mit seinen
Affekten, mit seinen Leidenschaften und wie sie
im Handeln Ausdruck gewinnen, ist der Gegenstand
Flegenbarthscher Kunst. Der Schauplatz
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