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spielt keine Rolle, er ist entweder nur leicht
angedeutet oder überhaupt nicht vorhanden;
die Szene geht nur im Räume vor sich, der
durch nichts näher bestimmt ist.
Stil entsteht, wie Anselm Feuerbach sagte, durch
Weglassen des Unwesentlichen. In diesem Sinne
ist Hegenbarth ein ausgesprochener Stilist. Nicht
entfernt denkt er daran, seine Stoffe bis in die
Einzelheiten durchzubilden; den Vorgang als
Ganzes will er schildern, auf das Wesentliche
geht er fest los. Mit beschwingter Hand, wenn
man das bei seiner Technik überhaupt sagen
darf, zieht er seine Striche ins Metall, und jeder
Strich sitzt. Hegenbarth ist Ausdruckskünstler:
in der scharfen Charakteristik geht er zuweilen
bis zum Äußersten, ja bis zum Grotesken. Die
mit eingehender Liebe durchgebildete Einzelgestalt
, die man bei Sievogt zum Beispiel im
Ali Baba findet, ist nicht Hegenbarths Vorliebe.
Slevogt ist im Vergleich zu Hegenbarlh ein bedachtsam
vorgehender Zeichner.
Aber wildbewegte Vorgänge, Massenszenen,
Kampf, Angriff, Mord, Überwältigung, überhaupt
alles, worin sich starkes Temperament
und Leidenschaft äußert, das zeichnet er mit
leidenschaftlicher Lust, wie überhaupt seine
Kunst in erster Linie männliche Kraft ist. Daß
auch Witz und Humor ihm liegen, ersieht
man mit Lust aus den köstlichen Bildern zu
Münchhausens erstaunlichen Abenteuern. Vor
allem Münchhausen selbst ist bei Hegenbarth
eine in ihrem Gebaren glaubwürdige Reckengestalt
von barockem Humor. Auch in den Balladenbildern
und in den Illustrationen zu den
Stimmen der Völker in Liedern tritt, wo es der
Stoff zuläßt, ein gesunder Humor zutage.
Würde, Zurückhaltung, schwächliche Sittsamkeit
kennt Hegenbarths Kunst nicht, seine Menschen
äußern ihre Empfindungen in starken
Gesten, in lebhaften Bewegungen, in ausdrucksvollen
, oft verzerrten Gesichtern. Oft haben
seine Männer etwas Ubermenschliches, Köpfe
und Gesichter einen Zuschnitt barbarischer Un-
zivilisiertheit, triebhafter Leidenschaftlichkeit
ohne Hemmungen und Kultur. Starke Backenknochen
, gedrückte Stirn, Rammsnasen, kurz-
köpfige Schädel ergeben einen Gesamttypus, der
Hegenbarths Männer unverkennbar macht.
Die „Schönheit" der Gestalt, besonders der
Frau, spielt in Hegenbarth keine Rolle. Immerhin
zeigen die Bilder zu Goethes Balladen und
zu Herders Stimmen der Völker in Liedern,
daß ihm auch Zartheit und Anmut zu schildern
gegeben ist. Aber die Leidenschaftlichkeit überwiegt
bei weitem, Sturm und Drang, alles, was
kräftig, gewaltsam, lebendig sich ausdrückt.
Diesem Streben ist auch das Formale in Hegenbarths
Kunst, seine krause, oft wilde Linienführung
, sein Zeichnungsstil angemessen. Er hat
sich aus der Kaltnadelarbeit ergeben. Diese
Technik ist wesentlich anders gekennzeichnet
als die Ätzung. Mit Scheidewasser und Wischen
der Platte lassen sich starke malerische Wirkungen
, Gegensätze von hellstem Weiß und
tiefstem Dunkel erzeugen. Das ist der kalten
Nadel versagt, sie zeichnet scharf und dünn, und
der Künstler muß seiner Sache ganz sicher sein,
mit diesen dünnen Strichen und Linien alles in
die Platte zu bringen, was er beim Abdruck an
Charakteristik und Wirkung herauszubringen
wünscht, ohne zu dem bequemen Mittel des
Wischens zu greifen. Daß Hegenbarth diese
Technik mit Meisterschaft beherrscht, zeigt
jedes Blatt seines radierten Werks.
Hegenbarth ist, wie gesagt, kein Abschreiber
der Natur. Er weiß allerdings genau, daß der
phantasiebegabte Künstler zugrunde geht, wenn
er nicht mit der Natur in dauernder Berührung
bleibt, und er handelt darnach, indem er oft
nach der Natur, dem Modell, zeichnet. Aber
Modell zu einem bestimmten Vorwurf nimmt
er nicht. Indes, wo er geht und steht, sitzt oder
fährt: auf der Straße, in der Straßenbahn, im
Kaffeehause, beim Tangolied, imTheater, und wo
es sonst sei, da macht er sich zeichnerische Notizen
, meist in kürzester Form, um eine Bewegung
, einen Ausdruck, einen Vorgang in seinen
wesentlichen Zügen festzuhalten. Ein anderer
wüßte gar nichts anzufangen mit solchen Schnellbildern
, aber für Hegenbarth sind sie wertvolle
Anhaltspunkte für die Kompositionen, die er
zu Hause darnach schafft. Kurios sehen z. B.
die Bewegungsskizzen aus, die Hegenbarth im
Halb- oder Ganzdunkel des Zuschauerraumes
von Tänzerinnen auf lose Blätter hingeworfen
hat, aber die endgültigen Gestalten, die er darnach
entwirft, sind verblüffend lebendig und wahr.
Hegenbarths Kunst ist Linienkunst, gegenständliche
Kunst, Ausdruckskunst. Er zeichnet nur
mit Linien, aber diese krausen, oft wilden Linien
führen niemals ein Eigendasein, sie wollen nicht
als Formen an sich gewürdigt sein, sie sind ihm
stets nur Ausdrucksmittel. Hegenbarth ist nicht
Expressionist im modernen Sinne, er gestaltet
nicht innere Erlebnisse, sondern knüpft an den
Stoff, an den Gegenstand an. Aber seine Kunst
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