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lieh im Kopieren aller vorausgegangener Stilformen
erfchöpfenden Bauens ift nicht einmal
das Belle ausgeltellt, fondern vieles, wofür man
heute wirklich kein Verftändnis aufbringen
kann. Vor allem erweckt die Ausftellung
den Anfchein, als ob das vergangene Jahrhundert
feit Gründung des Architektenvereins
überhaupt keine andere Aufgabe gekannt hat
als den behördlichen Monumentalbau. Daß
doch auch um die Mille des 19. Jahrhunderts
und noch in den fiebziger und achtziger Jahren
manch feinfinniges Wohnhaus und manch
fchönes Landhaus entstanden ift, fcheint ver-
gelTen. Rathäufer, Opernhäufer, Mufeen, Palais
bildeten doch auch damals nicht das Gros des
ArchitektenfchafFens • wenn man aber im wefentlichen
nur Konkurrenzentwürfe von Mitgliedern
des Vereins für derartige Wettbewerbe zeigen
wollte, ift der Name „ Jahrhundertausftellung"
doch etwas zu hochklingend. Denn unter einer
folchen Hellt man lieh eine Uberficht über die
Entwicklung, hier des Bauens in Berlin, im
Laufe des Jahrhunderts vor und, um diefe zu
veranfehanheben, fehlt gerade das Wichtigfte
und für Berlin Charakteriftifeliste. Wo find die
Waren- und Gefell äftshäu Ter — von Melfel ift
nicht der Wertheim-, fondern der Muf eumsbau
da, nur wie zufällig Schinkels für jene Zeit
geniale Entwurf zu einem Kaufhaus Unter
den Linden, wo die Fabriken und induftriellen
Anlagen, das W ohnhaus, die Siedlung, die
Wrohlfahrtsgebäude? W enn nicht in einigen
Nebenfälen die Hochbahn-, die Eifenbahn-
direktion, die Berliner Hafen A.-G. ihre mo-
dernften Schöpfungen — Untergrundbahn,
Balmhof Friedrichftraße, YS efthafen — gezeigt
hätten,müßte man annehmen, das neue Berlin fei
nicht von Berliner Architekten erbaut. W ollle
man bei der Jahrhundertfeier des Bei liner Architektenvereins
nur eine Geclächtnisausftelliuig
zum Andenken an einige bedeutende und verdiente
Mitglieder veranftalteu, fo hätte man
eben nicht von einer JahrhundertausfteJlmig
fprechen und nich t durch den Namen den Anfchein
einer großzügigen Uberficht über die
Bauentwicklung der vergangenen 100 Jahre
erwecken follen.
Schlimmer noch als hier zeigte fich die innere
Unklarheit in der Programmentwicklung und
-durcHführung einer Bauausftellung bei der
„Erften deutfehen Haus- und Schiff bauausftellung
", die im Auguft in der Technifchen Hoch-
fchule ftattgefunden hat. Der anlpruchsvolle
Titel der Veranltaltung mußte beim Befucher
die Erwartung aufkommen laßen, daß ihm hier
der ganze derzeitige Stand des Plans- undSchiff-
baues vor Augen geführt, daß ihm alles, was
von der Geländeaufteilung und Siedlmigspla-
nung bis zur Einrichtung des Haufes an tech-
nifchen und eigentlich doch wohl auch an künft-
lerifchen Fragen auftauchen könnte, an guten
Beifpielen aus ganz Deutfcbland — erfte „deut-
fche"! — aufgezeigt werden follte. Vom Schi fF-
bau foll hier nicht weiter die Bede fein; was
ausgeltellt war — Motorboote, Segeljachten,
Paddelboote und Beftandteilc — war ein fo
winziger Ausfchnitt felbft aus dem Komplex
der Binnenfchiffahrt, daß auch hier der an-
fpruchsvolle Name in keinem Verhältnis zum
Gebotenen ftand. \A as von Hausbau und -ein-
richtung gezeigt wairde, war aber derartig willkürlich
und zufammengewürfelt, im wefent-
liehen eine Schau von Erzeugnilfen einiger
Fabriken und Pländler von Bauftoffen, Bau-
mafchinen, Gegenständen des inneren Ausbaues
und der Möbiiermig, daß es für eine leidlich
gut vorbereitete Melfe recht kläglich, für eine
Ausftellung aber völlig unmöglich wirkte. Man
foll doch endlich einmal den Unterfchied zwi
sehen einer Melfe und einer Ausftellung be-
greifen und dann, wenn rain eine Ausftellung
fchaffen will, fie gründlicher vorbereiten und
durchführen oder ganz laßen. Und das letzte
dürfte vorläufig wohl das Richtigere fein, bis
Bauwefen, Bauinduftrie, Baukunft Leiftmigen
aufzuweifen haben, die ausftelhmgswert lind.
Die faft völlige Stagnation auf dem Baumarkt
in den letzten Jahren gibt wahrlich keinen Anlaß
, lieh befonders zu brüften. Ruhig follte
man erft einmal einige Entwicklungsjahre vergehen
lalfen und beweifen, was man kann und
geleiftet hat, ehe man es vorführt, nicht umgekehrt
. Daun aber follte man einen wirklichen
Uberblick über das gefamte Gebiet geben, unabhängig
von zufälligen EiiizelerzeugnüTeii und
-interelfenteii. Den Fabrikanten bieten ja die
periodifchen und dauernden Einzelmelfen genug
Möglichkeiten, ihre Erzeugnille den Interelfen-
ten zu zeigen. — Solches war bereits vor Pechs
Jahren anläßlich der Ausftellung „Sparfames
Bauen" zu vermerken, obwohl die damalige
Schau weit, weit belfer war als die diesjährige.
Man hätte meinen mülfen, daß die Veranftalter
aus alten Fehlern hätten lernen können!
A. Wiener
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