Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 52. Band.1925
Seite: 175
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_52_1925/0211
DER ULMER WETTBEWERB

Eine Ausstellung, die den Titel trug „Das
Ulmer Stadtbild" und im Schwörhaus fast
vierthalbhundert Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen
, Lithographien und Stiche vereinigte,
interessierte besonders um der Blätter willen,
die den alten Zustand des Münsterplatzes veranschaulichten
. Natürlich war dieser Platz, wie
ihn, mit dem unausgebauten, gedrungenen, aber
als Torso fast noch imposanteren Münsterturm
in beherrschender Mitte, die Bilder bis ins 19.
Jahrhundert herein zeigen, überbaut. Der 1111
glückselige Gedanke, der durch das Schlagwort
„Domfreiheit" hinreichend gekennzeichnet wird
und leider nicht nur für Ulm Geltung gewann,
ist ein Zeichen niedergehender Baukultur, er ist
so absolut ungotisch, als man sich nur denken
kann. Gustav Wolf schrieb einmal sehr richtig:
„Die Kirche der Gotik soll über das Dächermeer
herausschießen; der Kontrast der geduckten,
auf der Erde ausgebreiteten Stadt zu den himmelstrebenden
Türmen soll die äußerste Schärfe
gewinnen, das Gefühl soll fortgerissen werden
vom Boden. Die Enge des Bauplatzes, das
Herantreten einfacher Häuser von allen Seiten
her, einem ins Breite gehenden Tatendrange
lästig und verdrießlich, entpuppt sich für den
Ausdruck der gotischen Kirche — und auch
manch anderer — als höchst förderlich . . . .
Nimmt man jetzt solcher Kirche die notwendige
Voraussetzung: legt man sie frei, so nimmt
man ihr auch die Berechtigung ihrer Proportionen
, nimmt ihr einen Haupt- und Grundpfeiler
ihrer Schönheit. Hunderle alter Kirchen
werden ein schreiendes Mißverhältnis zwischen
der Turm- und der übrigen Masse zeigen, wenn
man dieses Mißverhältnis zu jedermanns Einsicht
bloßstellt." Von dem rings umbauten Münster
im Gegensatz zur freistehenden, von allen
Seiten kurz nacheinander zu übersehenden
Kirche meint der gleiche Autor: „Die Ansichten
der einzelnen lassaden und Bauglieder fließen
hier nicht ineinander über, sie beeinträchtigen
sich nicht gegenseitig, sondern durch Isolierung
ist jeder einzelnen zu ihrem Rechte verholfen.
Nicht ein gleichförmiger Luftraum, ein leerer

Ring umgibt die Kirche: die Häusergruppen
haben ihn in eine Mehrzahl von Räumen geteilt
."

Die alten Ulmer Ansichten zeigen das Münster,
eines von Deutschlands ehrwürdigsten Baudenkmälern
, rings umbaut, aber natürlich hat man
in der Zeit, der wir auch die innere „Purifizic-
rung" unserer gotischen Dome verdanken, das
Münster „freigelegt".Heutehat mandieDummheit
, die Kulturwidrigkeit dieser Maßnahme
eingesehen und einen Wettbewerb zur Ausge
staltung des Münsterplatzes ausgeschrieben. Am
7. Januar traf das Preisgericht, in dem von
Künstlern Theodor Fischer, German Bestcl-
meyer, Janssen und Bonatz saßen, seinen Entscheid
. Von 4y8 eingereichten Arbeiten kamen
34 in die engste Wahl, von diesen schieden
nochmals 19 aus, für die verbleibenden 15 gab
es Preise und Ankäufe. Die Namen der Preisträger
sind schon bekanntgegeben: merkwürdig
ist, daß kaum ein Träger eines bekannten Namens
, ein durch große, allgemein anerkannte
Leistungen schon bewährter Baukünstler sich
unter ihnen befindet, während das an stilistische
Eigentümlichkeiten und markante Handschrift
einzelner künstlerischer Persönlichkeiten gewohnte
Auge dagegen unter den N ichtpreisträgem
manchen Bekannten zu erkennen glaubt.
Erstaunlich ist die außerordentlich starke Beteiligung
: man kann sie als Ausfluß des Idealismus,
der Begeisterung an der hohen und interessanten
Bauaufgabe nehmen, aber man kann in ihr
auch den Ausfluß der miserablen wirtschaftlichen
Lage weiter Kreise der deutschen Archi
tektenschaft erkennen lassen. 478 Projekte!
Was bedeutet dies an Arbeit und Zeit, an Hoffnungen
und Enttäuschungen! Wenn nun nur
auch etwas Bedeutsames und über allen Zweifeln
Erhabenes zustandegekommen wäre. Aber leider
ist. bei all dem Aufwand auch nicht ein einziger
völlig befriedigender, alle anderen weit überragender
, sich selbstverständlich zur Ausführung
empfehlender Entwurf eingereicht worden. Neben
ganz Undiskutablem, sich teilweise am Bestehenden
Vergreifendem, vor pietätlosen An-

*75


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