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KUNSTGEWERBLICHE WERKSTÄTTE B. TAPPOLET
UND L. STRASSER-ZÜRICH
KRÜGE MIT UNTERGLASURMALEREI
hakig und schwungvoll auf wie das Steingut.
Lastet auf ihm zu stark seine große Vergangen-
heit? Trifft es mit Rokokoformen, mit viel
Gold und fadem Blumenschmuck immer noch
so gut den Geschmack des Begüterten, daß ihm
nicht ernstlich das Begehren kommt, einzutreten
in den Kreis der Dinge, die beherzt und mit
Gluck das Gewand unserer Tage anlegen? Gewiß
, Ansätze zu einer Neueinstellung sind da,
aber sie bleiben noch sehr vereinzelt. Anders
ist es bei jenem Porzellan, das durch die Hand
von „Hausmalern" — die jetzt meistens in
Hausmalerinnen verwandelt sind — gegangen
ist, d. h. nicht in der Fabrik selber, sondern von
Kunstgewerblern verziert wurde. Seine Bemalung
prangt in der Formen- und Farbenfülle,
wie sie bei uns Heutigen, die wir Form und
Farbe wiederum entdecken müssen und neu erleben
wollen, verständlich ist. Bleibt auch dabei
einiges mehr Versuch als endgültige Lösung,
läßt bisweilen auch die schöpferische Hand ihrer
eigenen Art stärker Lauf als es vielleicht mit
Rücksicht auf Werkstoff und Zweckbestimmung
des Gegenstandes wunschbar scheint, so
spricht doch aus solchen Arbeiten so viel ursprüngliches
Empfinden und freigebig spendende
Erfinderlust, daß man nicht anders kann
als sich ihrer herzlich freuen.
Im Hinblick auf das Gesamtbild der neuzeitlichen
Gruppen dieser Zürcher Ausstellung darf
gesagt werden, daß auch auf dem Gebiete der
Gebrauchskeramik ein erfreulicher Fortschritt
sich geltend macht. Auch hier ist ein wohltuend
unbefangener Sinn am Werke, der mit der sklavischen
Abhängigkeit von Jahrzehnten gebrochen
hat und frisch und fromm die Dinge hinstellt
, so wie sie für den Zweck taugen und
unserem heutigen Empfinden zusagen. Daß er
in dem Verlangen, der toten farblosen Welt von
unlängst eine frühlingsfrische Schöj)fung gegenüberzustellen
, manchmal über das Ziel hinausschießt
und des Guten schier zu viel tut, soll
ihm keineswegs übelgenommen werden. Gewiß,
wir vermissen vielfach bei der Bemalung des
Tischgeschirres das weise Maß, das gerade hier
geboten wäre, weil das bunte Vielerlei des
Zierates mit den aufgelegten Speisen zu einem
kulinarisch und künstlerisch merkwürdigen Ragout
zusammenlaufen kann. Aber — wollen
wir unsere junge Werkkunst schon weise haben?
Seien wir froh, daß sie überhaupt da ist und zu
gedeihen verspricht. Dr. E. Maria Weese
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