http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_53_1926/0292
fügung haben müßte, um einmal so recht aus
dem Vollen zu schöpfen. Aber solche Wände
sind heute seltener als je. Und im übrigen ist
es für Kolb stets ein ganz besonderer Genuß
gewesen, alle technischen und künstlerischen
Möglichkeiten der Radierung, in der er mit
Recht die ausdrucksfähigste und reichste aller
graphischen Techniken sieht, auszuprobieren.
Er hat dabei gelernt, sich und sein Temperament
so zu disziplinieren, daß er die größte
Platte ebenso sicher raumtechnisch und radiertechnisch
beherrscht wie die kleinste, auf der
vielleicht nur ein Initial künstlerisch zu schmük-
ken und mi t Figuren werk oder Landschaftlichem
zu umspielen ist. Und weil Kolb das kann, darum
bewältigt er auch illustrative Aufgaben,
die, wie man zunächst annehmen möchte, gerade
für ihn gar nicht geeignet sind. Es macht
ihm z. B. keine Schwierigkeiten — was manchem
Flunkerer von heute unmöglich wäre oder
zum mindesten sehr schwer fiele —, Figuren
auf kleinem Raum genau durchzuzeichnen.
Und man möchte, obwohl der persönliche Stil
Kolbs im kleinsten wie im größten Blatt klar
ausgeprägt ist, zuweilen kaum glauben, daß der
Schöpfer solcher graphischer Miniaturen derselbe
Kolb ist, der in Einzelblättern und Mappenwerken
, z. B. in einem radierten Richard-
Strauß-Zyklus, gerade in der breiten, großzügigen
, mehr malerischen Anlage und Ausgestaltung
der Fläche Mustergültiges geleistet hat.
Es ist nicht möglich und wäre auch überflüssig,
alle die zahlreichen Bücher, die Kolb seit den
„Kronprätendenten" illustriert hat, hier mit
Namen aufzuführen. Aber es lohnte sich vielleicht
, in einer größeren Sonderpublikation einmal
des genaueren darauf einzugehen, zunächst
ihres künstlerischen Wertes wegen, und dann
auch, weil diese Bücher nur in verhältnismäßig
kleinen Auflagen erschienen und heute vielfach
schon kaum mehr auffindbar sind. Zu den be-
deutendstenArbeitenKolbs auf diesem Gebiet gell
örendie„Nibelungensage", deren wilde Romantik
ihm besonders gut liegt, und Wagners „Tristan
und Isolde". Die Radierungen zu letzterem
Werk entfernen sich in ihrer urtümlichen Her-
bigkeit wohltuend weit von dem Schema unserer
Normalopernaufführungen. Gelegenheit zu fast
ausschweifender Phantastik boten die „Pest in
Bergamo" von J. P. Jacobsen, das „Erdbeben in
Chile" von Kleist (das einzige der hier zitierten
Werke, dessen Bildschmuck Lithographien
sind), die „Hochzeit des Mönchs" von C. F.
Meyer und die „Äbtissin von Castro" von Stendhal
. Eines der reichsten, in sich vollendetsten
und einheitlichsten Bücher mit Radierungen
aber, die Kolb geschaffen hat, ist vielleicht der
„Sonnengesang des hl. Franziskus". Dieses Buch
ist nicht nur um der schönen Radierungen willen,
sondern auch buchkünstlerisch rühmenswert.
Und es müßte eigentlich selbst den unversöhnlichsten
Feind des mit Radierungen geschmückten
Buchs bekehren und in einen Freund
dieser bibliophilen Spezialität verwandeln.
Richard Braungart
232
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_53_1926/0292