http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_54_1926/0139
ARCH. LUCIAN BERNHARD, BERLIN
HAUS F. IN H. DIELE
WAS AUS EINER MIETSWOHNUNG ALLES WERDEN KANN
Das Haus F. in H. von LUCIAN BERNHARD
Darf man in einer Kunstzeitschrift, die unbeirrt
an ihrer Aufgabe festhält, Freude
am Schönen zu verbreiten und vom Guten das
Beste ihren Lesern in Bild und Wort vorzuführen
, darf man auch an solcher Stelle über
die schlechten Zeiten klagen? Darf man auf
ihren Weg, an dessen Ende als Ziel der Sieg
des Geschmacks und der künstlerischen Leistung
aufgerichtet ist, einen Schatten werfen? Nein,
wenn die Klage hoffnungslos bleibt, ja, wenn sie
das ausspricht, was so viele empfinden, und
dennoch einen leidlich trostreichen Ausklang
findet.
Welchen anderen Zweck kann die stete Vorführung
schöner Gegenstände, wohnlicher Einrichtungen
, guter Hausbauten haben, als bei den
„Vermögenden" den Wunsch nach dem Besitz
des Gleichwertigen, bei den Künstlern schöpferische
Nachfolge zu erwecken? Aber, der Kreis
derer, die können, und derer, die dürfen, wird
immer enger. Eine immer größer werdende Anzahl
begabter Architekten treibt künstlerische
Inzucht mit papierenen Entwürfen, die niemals
zur Ausführung kommen, und wer kann heute
noch daran denken, sich ein Haus errichten zu
lassen? Träume vom eigenen Heim, platonische
Pläne zur harmonischen, durch Kunst erleuchteten
Lebensführung, — und zum Schluß ein
tiefer Seufzer, mit dem der Hand das Vorbilderheft
entsinkt: vertagt bis zur nächsten Generation
, die vielleicht glücklicher sein mag.
Das ist die Klage. Wo bleibt der Trost?
Da die Verhältnisse nicht zu ändern sind, muß
man sie nehmen, wie sie sind, und aus ihnen das
Dekorative Kunst. XXIX. 5. — Februar 1926
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