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WOHNUNG UND SIEDLUNG DRESDEN 1925
In dem Reigen der Darstellungsgebiete, denen
die vor wenigen Jahren in Dresden begründete
Jahresschau Deutscher Arbeit zu dienen
unternommen hat, gebührte der Schau des verflossenen
Jahres eigentlich die Rolle des Führers.
Denn wenn man des Menschen Hausung und
Wohnung in der unendlichen Vielfältigkeit ihrer
Daseinsformen, ihres Werdens, der Elemente
ihres Aufbaues und Zusammenklanges zeigen
will, rührt man an das Herz der Dinge, die alle
Kultur irdischer Gestaltung in sich begreifen.
So weit war nun freilich der Rahmen dieser
Schau nicht gezogen, so tief ihr Organismus
nicht durchgebildet. Was mit den vorhandenen
Mitteln gegeben werden konnte, war ein buntes
Spiel vielerlei Kräfte, dem die wirkliche Regie
mangelte — ein Aufmarsch der Möglichkeiten,
nicht eine klug geordnete Auslese oder gar ein
Herausarbeiten des Bleibenden und Wesentlichen
.
Es ist auch heute noch nicht zu spät, wenn man
das Mißlingen dieser Schau einmal deutlich unterstreicht
. Wer da in die Folge von Wohnräumen
geraten war, die der Hauptbau enthielt,
den schüttelte bald das Grauen. Alle guten Geister
jener bürgerlichen Wohnkultur, die man in
mühevoller Arbeit eines Menschenalters beschworen
, die kein Völkerkrieg hat verjagen
können, hier schienen sie entflohen. Man glaubte
sich um Jahrzehnte zurückgeworfen:Protzentum
und Ungeschmack, Gefühlsroheit und Freude
am süßen Kitsch schwangen munter ihr Zepter.
Nein, das hätte in der Stadt, die 1906 mit der
3.Kunstgewerbeausstellung einen Markstein der
Entwicklung zum Echten, Gesunden, Gefühlten
und Gekonnten gelegt hatte, nicht geduldet werden
dürfen. Den Schleier darüber! Kein Wunder
, daß die Gruppe von Räumen, die Heinrich
Tessenow für die Deutschen Werkstätten entworfen
hatte, dem erschöpften und empörten
Wanderer ein freundliches Eiland dünkte, wo
reine Lüfte über eine milde Landschaft wahr-
Dekorative Kunst. XXIX, 6. — März 1926
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