Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 55. Band.1927
Seite: 23
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_55_1927/0041
zerrung künstlerischen Wollens (Heine, Imraer-
mann). — Vorerst fallen dem kritischen Bewußtsein
die Ausnahmeerscheinungen der Welt,
die körperlichen und seelischen Mißbildungen
auf, ob sie sich nun im Einzelmenschen (Dix)
oder in der Situation einer ganzen Zeit oder
Stadt (Grosz) äußern. Diese Hände und Köpfe
bei Dix sind Karikatur und doch erschütternde
Realität.

Dem Expressionismus gebührt das Verdienst,
alle Gefühle aufgerüttelt zu haben aus der Beschränkung
auf bloßes, wenn auch oft sehr temperamentvolles
Sehen. Er zeigte dem Impressionismus
die Bedeutung der Innerlichkeit und
die Größe des leidenschaftlichen Bekenntnisses.
Dadurch lockerte er das Gefühl beispiellos auf
und machte es bereit und fähig zu einer Durchdringung
des Gegenständlichen, die heute fast
mit Fernglas und Lupe die letzten Geheimnisse
der Welt zu entziffern scheint.
In der Dichtung, der Dramatik, stehen in dieser
Situation der Ironie Kornfeld (Palme), Kaiser
(einige Szenen von Nebeneinander, Kolportage)
und Kurt Goetz. Einen Schritt weiter haben
Bronnen und Brecht getan. Der Rausch ihrer
Sinnlichkeit ist die Reaktion auf die Intellek-
tualität und das Pathos des Expressionismus. So
begegnen sich in ihnen zwei Reaktionen. Die
Sehnsucht nach objektiver Wirklichkeit und die
nach Sinnlichkeit. Die Malerei gerät nie so
leicht ins Pathos, wie die denknahe Dichtkunst.
Das liegt in ihrer Natur als sinnengesch aute Welt;
darum kennt die Malerei auch heute diese Rückkehr
zur Sinnlichkeit nicht. Aber darüber hinaus
strebt die Dramatik schon deutlich in eine
klare lebendige Wirklichkeit und nach überragenden
Charakteren. Selbst Bronnen versucht in
seinem vorletzten Werk „Rheinische Rebellen"
— freilich noch mit wenig Erfolg — diesen
Weg. Werfel ist ihn in „Juarez und Maximilian
" gegangen, Wolf gang Goetz in „Gneise-
nau" und viele andere dringen in ähnlicher Weise
zu historischer oder gegenwärtiger Wirklichkeit
vor.

Uberall wird die Abkehr vom Expressionismus
deutlich. Sie begann schon vor einiger Zeit
mit der Sehnsucht nach handwerklicher Gründlichkeit
und dem Erlebnis der Natur. Thoma
feierte Triumphe. Das Kunstgewerbe empfing
vom Stil willen des Expressionismus neue Antriebe
und verdichtete diese immer mehr zur
klaren Form. Der W"erkbund sandte eine programmatische
Ausstellung durchs Land, die bewies
, wie stark das Kunstgewerbe heute die Form
als materialgewachsenes Gesetz, nicht als bizarres
Phantasiewirken erlebt und gestaltet. Für
den Expressionismus war die Form Abkehr von
naturalistischer Nüchternheit, Flucht ins Grenzenlose
, Monumentale. In ihr überwog immer
das subjektive Element der Erfindung einer
neuen Formel, der Aspekt der Phantasie. Immer
kam die Nuance zu kurz. Erst diese nämlich
bestimmt die Form im Sinne eines wirklichkeitsgesättigten
Kunstwerks.
Die Form im expressionistischen Sinne war fast
abstraktes Zeichen einer das Wesentliche betonenden
Naturflucht. Heute tritt die Form ihre
Herrschaft an, die aus den Einzelheiten und
Nuancen — denn alle sind wesentlich — den
verhaltenen Charakter des Menschen oder die
stille Atmosphäre der Landschaft baut und deren
Geheimnisse offenbart. Diese Kunst (Dramatik
wie Malerei) legt die geheimsten Seelenregungen
des Menschen sachlich fanatisch bloß und
schließt sie verstehend, begreifend in ein groß
geschautes Bild des betreffenden Menschen ein
oder wo sie nicht den Akzent auf den Charakter
legt, wie bei Schrimpf und anderen, faßt sie
den unbeschreiblichen Duft einer Stimmung
(seelisch und landschaftlich) in den sanften Unterschieden
der Farbe und Zeichnung zusammen
, ohne der Natur auch nur im mindesten
Gewalt anzutun.

Diese neue Malerei vermeidet den Schrei exotischer
Farben, verschmäht alle Mystik vielfach
gebrochener Farben, die Dissonanz verschränkter
Formen und übereinanderstürzender Linien,
die tollkühne Verachtung der Proportionen und
die eigenwillige Perspektive, sie malt sorgfältig
die Welt in ihrer ganzen Schlichtheit und Einfachheit
, wie auch die Dichtung auf seelische
Exaltationen zu verzichten beginnt. Die Überwindung
des inneren Aufruhrs ist die Sehnsucht
der Kunst unserer Tage. Dr. Wilh. Westecker

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