http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_55_1927/0128
NEUES VÖLKERKUNDEMUSEUM, MÜNCHEN. LETZTER AFRIKASAAL
Bronzegüsse aus Benin
meine Niveau erhoben sehen möchte. Wer aber
dankend die Fülle der Anregungen empfunden
hat und dabei bemerken konnle, mit welcher
Sorgfalt die Ermüdung des Anschauenden vermieden
wurde, der wird nicht wagen, das Positive
der außerordentlichen Gesamtleistung
irgend zu schmälern. Den Anschauungswerten,
die hier in gesichteter und klarer Form geboten
werden,dürfte sich auch eine bewußt wählerische
Einstellung kaum entziehen können. Die Schwierigkeit
, Gegensätze von größter Spannweite zu
erleben, wird zudem für die schaufrohe Menschheit
unserer Zeit sländig geringer. Gerade aus
dieser Talsache schöpft die Idee des Völkerkunde
museums ihre innere Berechtigung. Es ist
möglich geworden, die primitive Plastik Afrikas
(Abb. S. 123) bald in ihrer drohenden, bald in
ihrer kindlichen Art zu werten und sich wenige
Augenblicke später an der unerschöpflichen
Begabung altperuanischer Ornamentik zu erfreuen
. Es ist möglich, mit denselben Sinnen
die herrische Straffheit persischer Bronzen und
die zarte Empfundenheit ostasiatischer Keramik
zu umfassen. Nur darauf kommt es an, daß
wenige leichte Brücken kunstvoll von Ufer zu
Ufer führen, und die Schauenden werden nicht
straucheln. Wer bedauern wollte, daß dafür
das Erleben an Intensität verliert — eine
Meinung, die subjektiv manchmal zutreffen mag
— der wird doch auf der anderen Seite das
Wissen um die Weite der menschlichen Welt
und die Erkenntnis ihrer nur grenzenlos scheinenden
Möglichkeiten als Gewinn buchen
müssen. Rudolf Kömstedt
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