Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 55. Band.1927
Seite: 156
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_55_1927/0168
W ie bei Leibi war es aber bei vielen Meistern —
auch Hans von Marees hat kopiert, und auch er
hat, nach seinem Ausspruch, Gewinn daraus
gezogen. Vor allem aber ist ein großer Maler
in seiner späteren Entwicklung undenkbar ohne
die Kopistentätigkeit seiner Frühzeit: Franz
von Lenbach. Denken wir an seine Meisterkopien
aus italienischen und spanischen Galerien
, so stellt sich ungerufen der Name
des Auftraggebers Lenbachs ein: Adolf Graf
von Schack, der ein besonderer Lobredner der
Kopie ist. In dem Buch, das er über seine Gemäldegalerie
schrieb, führt er aus: „Kupferstiche
und Photographien geben doch einen sehr
unvollkommenen Begriff von Gemälden, namentlich
von solchen, bei denen die koloristische
\A irkung eine Hauptsache ist, und ich glaube,
daß man aus dem Klavierauszuge einer Beet-
hovenschen Symphonie die Herrlichkeit derselben
viel besser kennen lernen kann als z. B.
aus einer Photographie die von Tizians „Irdischer
und himmlischer Liebe". Das schönste
künstlerische Geschenk, das ein König seinem
Lande zu bieten vermöchte, wäre daher ein Museum
, worin die auf der ganzen Erde zerstreuten
Hauptwerke der Malerei in vorzüglichen
Kopien einen Platz fänden. Denn eine gute
Kopie vermag ein so vollsländiges Bild des Originals
zu liefern, daß der Unterschied zwischen
beiden, wo nicht ganz aufhört, doch bis auf ein
Minimum verschwindet; daß jedenfalls, wenn
die genaue Betrachtung auch kleine Differenzen
ergibt, dieser Unterschied mindestens für den
Kunstgenuß ganz unerheblich ist. Als ein sicheres
Kennzeichen von ungebildetem Dilettantismus
hat es mir von jeher gegolten, wenn Besucher
von Galerien den Namen „Kopie" mit
einer gewissen Verachtung im Munde führen.
Eine Kopie kann ein wahres und echtes Kunstwerk
sein, ebenso wie eine ausgezeichnete Ubersetzung
; denn sie wird, wenn sie gut ist, nicht
auf mechanische Weise hervorgebracht, sondern
es gehört eine bedeutende künstlerische
Kraft dazu, um sie ins Leben zu rufen... Nur
ein hervorragender Maler, der nicht allein alle
äußeren Mittel der Technik beherrscht, sondern
sich auch mit ganzer Seele in sein Original versenkt
und mit Begeisterung nach dessen Reproduktion
ringt, wird dasselbe befriedigend wiedergeben
können."

So durfte allerdings nur ein Sammler sprechen,
der neben seinen großartigen Originalen von
Schwind, Feuerbach, Genelli und Böcklin eine

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Kopiensammlung besaß, die beinahe die Erfüllung
jenes Wunsches nach dem künstlerischen
Geschenk eines Königs bedeutet. Keine
Geringeren als Marees und Lenbach haben für
ihn kopiert, und Lenbachs Kopien im besonderen
bezeichnete Muther als die besten, die die
Kunstgeschichte überhaupt kennt. „Kein anderer
versenkte sich mit solcher Schärfe in alle
Feinheiten der Technik alter Meister. Aber auch
ihrer vollen Größe ist er sich bewußt geworden
und stets bewußt geblieben, so daß man hier
wie vor den Originalen selbst im Genuß der ausgesuchtesten
malerischen Schönheiten schwelgen
, die großen Meister in ihren Charakteren
studieren kann." Die Folge blieb nicht aus. „Der
Einfluß, den gerade Schacks Kopiensammlung
auf die moderne Kunst ausübte, war ein außerordentlich
großer. In diesen Sälen holten in den
70er Jahren die Münchner Künstler sich Rat.
um sich nach der koloristischen Dürftigkeit von
früher wieder zu einer nuancenreichen Malweise
emporzuranken."

Dies ist die eine Seite, die den Wert der Kopien
beweist. Ich möchte sie der anderen, die ausgesprochene
historische Bedeutung hat, als absolut
gleichwertig an die Seite setzen. Mit dieser
historischen Bedeutsamkeit der Kopien hat
es die Bewandtnis, daß die Existenz von Kopien
verlorener Meisterwerke uns deren Verlust
wenigstens erträglicher zu machen vermag. Die
Glyptothek in München und zahlreiche andere
Sammlungen antiker Bildwerke bergen z.B. gute
römische oder spätgriechische Kopien früherer
Originale, über deren Verbleib wir nichts wissen,
und so steigt uns wenigstens im Nachbild die
Gestaltenfülle der schönen Welt Alt-Griechenlands
auf. Auch berühmte Gemälde, die verkamen
, verbrannten, vernichtet wurden, leben,
wenn auch in vermindertem Scheine, ihr Leben
in Kopien fort. Ein Brand in der Münchner
Residenz vernichtete ein Hauptwerk Dürers,
den sogenannten Hellerschen Altar; wie froh
sind wir nun, daß uns eine alte Kopie des Werkes
bekannt und erhalten ist! Viele sehr wertvolle
W7erke großer Meister verderben, besonders
in kleineren Adelsgalerien Italiens und in
wegabgelegenen Kirchen: gibt es aber eine Kopie
dieser Gemälde, so ist wenigstens eines Abglanzes
Möglichkeit in die Zukunft zu retten.
So angesehen, hat auch die Kopie, deren Unwert
als Kunstwerk im schöpferischen Sinn zweifellos
ist, ihre unbestreitbare Bedeutung im großen
Haushalt der Kunst. w ,,]t

)


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