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MAURICE UTRILLO. DIE MÜHLE VON SANOIS
grändige Einsamkeit — und jener Kampf um
seine Wirklichkeit, die ihm dämonisch real entgegenwuchtet
, gegen die er sich wehrt in dieser
unerbittlichen Schilderung, gegen die er anrennt
mit seinen Tafeln wie mit einem Schild, daß sie
sich hineinfrißt in seine Bilder wie ätzendes Gespinnst
. Das ist Utrillo, der Maler, dem heute
Paris zu Füßen liegt.
Sollten sich so plötzlich die Augen für eine
„gute Malerei" geöffnet haben, die vorher verborgen
geblieben war? Bleiben für sie die Kriterien
nicht immer die gleichen? Nein, „gute
Malerei" wird nicht plötzlich entdeckt. Man
weiß sie, wenn sie da ist. Oder man lehnt sie
ab, weil man sie unter einem solchen Geiste
nicht will. Ja, das ist es: der Geist einer Malerei
wird entdeckt, das was hinter den schönen Farben
und Formen steckt und treibt. Das was das
innere Schauen einer Zeit ausmacht und es
beseelt. Wo steckt es bei Utrillo, bzw. welche
Kräfte der Zeit drängten gerade heute dieser
Entdeckung zu?
Fauvismus und Kubismus hatten sich erschöpft,
d. h. die Ubersteigerung sowohl des Ich
als der formalen Konstruktion hatten sich
selbst aufgehoben in eine neue Gegenständlichkeit
hinein. Im Paris des Impressionismus
mußte jener versöhnend wieder in die Leeren
springen, die eine allzu subjektive Äußerung
der Kunst gelassen hatte. Alle Ergebnisse der
letzten Versuche schienen zu entgleiten in
ein hübsches Können des Durchschnitts, dem
sich auch die Führer der gestrigen Bewegung
schon zu beugen schienen. Ein Neoklassi-
zismus gab unter der Geste eines Neuen alte
Wahrheiten, die die Traditionsbeflissenen besänftigen
mochten, die aber doch die aufgerufenen
Geister der lebendigen Wirklichkeit nicht
in die Gestaltung zu bannen wußten. Hinter
ihm krachte Picasso noch einmal auf in jenen
hartgeformten Harlekinbildnissen in Orange
und Blau (1923), mit denen er seine Raumentdeckungen
in die W irklichkeit der Figur hineinzwang
. Dann gab er jene Dekorativismen, die
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