Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 55. Band.1927
Seite: 165
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_55_1927/0177
DIE HEILIGEN DREI KÖNIGE

Für die Mediciliat Miclielozzo um die Mitte des
15. Jahrhunderts einen Palast erbaut, dem schon
seine Lage in enger Gasse inmitten von Florenz
das Gebieterische des Pitti nahm, der Ubergang
aber von den ungeheueren Rustikaquadern des
Erdgeschosses zum geglätteten Stein und schließlich
der verpatzten Fläche des obersten Stockwerkes
ein beweglicheres Gesicht verlieh. In der
Kapelle, deren bunter Marmorfußboden, deren
geschnitzte Decke und eingelegtes Gestühl zeigen
, daß der Erbauer des Hauses auch Bild-
hauer war, in diesem damals noch fensterlosen
Räume arbeitete Benozzo Gozzoli durch mehrere
Jahre bei Kerzenlicht und Öllampe an seinen
Fresken. Begleitet von einem großen Gefolge
zu Fuß und Pferd, von vornehmem und
niedrigerem Volke, von Gestalten, denen die
Umgebung des Malers Außeres und Gewandung
, häufig auch die Züge lieh, reiten die drei
Könige nach Bethlehem. Mit langem, weißem
Barte, in tiefrotem, goldgenetztem Kleide auf
friedlichem Maultier der erste, schwarzhaarig,
in warmem Grün, funkelnd von Gold, auf
schwerem Schimmel der zweite, jugendlich —
hell und blond der letzte, in weißem, pelzbesetztem
Rocke, weichender Pinsel des Künstlers
mit den goldenen Linien einer zarten Stickerei
überspann: Lorenzo il Magnifico, auf feurigem
weißem Rosse mit reichverziertem Geschirr. Vor
ihm, auf rotgezäumten Schimmeln, seine drei
Schwestern, zuerst Nannina, dann Bianca und
Maria, mädchenhaft anmutig in dem kurzen
weißen Wams, der Haltung und dem Sitz eines
Jünglings. Vater und Großvater, Piero und Co-
simo, folgen, hinter ihnen eine dichte Menge.
Unter den vielen Köpfen ein junger, bartloser,
mit ruhig-sicherem Ausdruck: Gozzoli selbst,
unweit von ihm das gutmütig-dicke Mönchs-
gesicht seines Lehrers Fra Angelico. Bei den
Vordersten der ganzen Schar, in der Nähe des
jungen Castruccio Castracani, Duca di Lucca,
das scharfe Profil mit der gebogenen Nase Nic-
colö da Uzzanos, dessen energische Linien Do-
natello in den Ton einer seiner schönsten Büsten
gebrannt hat.

Durch eine bergige Gegend mit Pinien und Zypressen
, an belebten und bewohnten Anhöhen

vorbei, durch eine Landschaft mit den Zügen
Toscanas, wandert die Schar — ein Ausschnitt
aus der Zeit und der Heimat des Malers, den
seine gewissenhafte Hand mit den noch heute
unverblaßten Farben eines reizvoll-bunten Lebens
füllte.

Das 18. Jahrhundert verfuhr nicht glimpflich
mit den Fresken. Die Familie Riccardi, welche
den Palast 1659 von ^en Medici gekauft hatte,
legte neben der ursprünglichen eine neue Türe
an, zerschnitt dabei die Mauer und schob den
einen Teil in das Innere des Raumes vor, wodurch
das Maultier des alten Königs in zwei ungleiche
Hälften geteilt und die regelmäßige Form
der Kapelle gestört wurde. Sie brach ferner
hinter dem zweiten König ein Fenster in den
Zug, öffnete mit einem andern die Rückseite
der Apsis fast in ihrer ganzen Höhe und Breite
und nahm so den himmlischen Scharen auf den
Seitenwänden den Gegenstand ihrer Anbetung:
das Kindlein, im Walde auf dem Boden liegend
(dieses TafelbildFilipj)oLippis kam spälernach
Berlin). Ein wirklicher Liebreiz schwebt mit
den Engeln aus den Wolken herab in das „Paradies
" und füllt diesen Garten mit Blüten und
schlanken Mädchengestalten in bunten Gewändern
. Wie die Landschaft mit ihren Zypressen,
Palmen und Pinien, mit ihren Hügelketten, den
Türmen San Gimignanos und den Häusern
Sieiias im Hintergrunde, sind die anmutigen
Geschöpfe von heiterer Weltlichkeit. Sie tragen
gleich ihren Verwandten bei Fra Angelico den
goldenen Schein auf dem blonden Haar, einen
goldenen Abglanz des Uberirdischen auf ihren
Flügeln aus Pfauenfedern, aber es ist ein jüngeres
Geschlecht, in dessen Lobgesängen ein
fröhlicher Ton mitklingt, das geschäftig Blumen
pflückt, sie mit schwesterlich-zärtlichem Eifer
herbeiträgt und in frommer Andacht niederkniet
. — In ihrer leuchtenden Frische zu den
besterhaltenen Fresken Italiens, ja sogar Europas
gerechnet, erzählen die „Heiligen drei Könige
" und das „Paradies" mit der bunten Anschaulichkeit
und der eindringlichen Farbigkeit
eines Bilderbuches ein Stück hoher Florentiner
Kunst aus den sechziger Jahren des Quattrocento
. —

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